Seelenwächter: Kapitel 8

Sheyla

forest-1281259_640Ich wachte auf  dem Boden meines Zimmers auf. Meine Umgebung wirkte merkwürdig grell. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte mich aufzusetzen. Sofort durchfuhr ein stechender Schmerz meinen Kopf. Ich stöhnte. Beim Versuch aufzustehen sah ich in Richtung des Bettes von Mary und stellte fest, dass dieses belegt war. Ein zusammengekauerte Frau wandt mir den Rücken zu. Irritiert rieb ich mir die Augen, doch die Gestalt verschwand nicht. Mit ihrer zierlichen Figur und den fuchsroten Haaren erinnerte sie mich an Sheyla.

Sheyla fand uns auf der Flucht vor den Hütern. Na ja, genau genommen war es Roxy, die Sheyla fand. Die zierliche, junge Frau saß an einen Baum gelehnt in sich zusammengesunken da und schluchzte, während Roxy auf der Suche nach Kamille war, um Elijah einen Tee zu kochen. Er hatte es mal wieder übertrieben mit dem Alkohol. Roxy brachte die verängstigte Sheyla in unser Quartier. Es brauchte zwei Tage und mehrere Teller Suppe bis sie redete.

Sie erzählte, dass sie aus guten Verhältnissen stammte, ihr Vater arbeitete bei der prionischen Bank und ihre Mutter spielte im Theater. Sie waren so vermögend, dass sie sich eine Haushälterin leisten konnten. „Lia war ihr Name. Sie war so alt wie ich und stammte aus armen Verhältnissen. Das Einzige was sie wollte, war ihre Mutter und die zwei kleinen Geschwister zu ernähren. Ich bewunderte das und kam mir verwöhnt vor. Mir wurde alles was es zum Leben brauchte auf einem Silbertablett serviert und sogar noch ein bisschen mehr, während sie fast gar nichts hatte. Lia erzählte, dass sie etwas außerhalb von Prion lebte, in einer Holzhütte ohne Strom. Im Winter wurde es oft eisig dort. Ich wusste gar nicht, dass es soetwas in unserer Zeit überhaupt noch gibt“, Sheyla schaute schuldbewusst drein. „Warum müssen Menschen unter diesen Bedingungen leben?“, flüsterte sie und schaute fragend in die Runde. Ihre Augen waren mit Tränen gefüllt und keiner wagte es  zu antworten. „Im darauffolgenden Winter wurde ihr kleiner Bruder schwer krank bis zum Frühjahr wurde es nicht besser. Er war erst drei. Ich wollte es so aussehen lassen, als sei es mein Bruder, damit er ärztliche Behandlung bekommt, aber es wurden Nachweise gefordert, die noch gefälscht werden mussten.“ Medizinische Versorgung war nicht selbstverständlich in Prion. Durch den letzten Krieg wurden Medikamente knapp und teuer.

„Wir hatten verabredet, dass wir uns treffen bei ihr, sobald ich die Nachweise habe. Sie sollte mir ihren Bruder geben, damit ich mit diesem so schnell wie möglich ins Krankenhaus gehen konnte. Es war ein nebliger, ungemütlicher Tag, an dem ich die Unterlagen erhielt. Es hatte viel geregnet und die schlammigen Wege erschwerten mir den Weg zu Lia. Kaum sah ich ihre Holzhütte, kam sie mir weinend entgegengelaufen. Sie sagte ihr Bruder starb vor wenigen Minuten. Trotz des Wetters standen wir eine gefühlte Ewigkeit draußen, Arm in Arm und weinten bis keine Tränen mehr kamen. Lia  küsste mich und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich sie liebte.“ Sheyla hielt für einen kurzen Moment inne.

„Irgendjemand muss uns gesehen haben“, bemerkte sie leise. Charlie sog scharf die Luft ein. In Prion waren homosexuelle Paare verboten. Der Präsident sagte immer so etwas solle vermieden werden. Wir seien sowieso schon so wenige Überlebende des Krieges und vor allem der Fortbestand der Elite solle gesichert sein. „In der nächsten Woche kam Lia nicht zu uns nach Hause. Zuerst dachte ich sie trauere um ihren Bruder und deshalb ging ich am darauffolgenden Wochenende zu ihr. Die Mutter von Lia öffnete die Tür. Ich schaute in ihr verweintes, eingefallenes Gesicht und wusste was passiert war. Sie hatten  Lia geholt.                                                                                                                                                         Haltlos und leer irrte ich umher, bevor ich nach Hause ging. Das war mein Glück.Kaum betrat ich das Haus, kam mir meine Mutter verzweifelt entgegen. Sie berichtete, dass die Hüter dagewesen wären, um mich in die Psychatrie einzuweisen.“

Es lief mir eiskalt den Rücken runter. Ich wollte etwas sagen, aber es war, als hätte die Schärfe ihrer Worte meine Zunge abgetrennt. Uns allen schien es so zu gehen.

Am nächsten Abend bemerkte ich, wie Elijah eine Flasche Wein aus seinem Vorrat nahm und sie kurzerhand wieder zurückstellte. Der Schleier des Entsetzens und der Trauer über die eigenen Verluste lastete in der nächsten Woche bleiern auf unseren Schultern, bis Roxy vorschlug ein Lagerfeuer zu machen. „Das kann doch nicht so weiter gehen!“, bemerkte sie entrüstet und so saßen wir abends am Lagerfeuer. Charlie hatte irgendwo eine verstaubte Gitarre ausgegraben, die grässlich klang, aber das war uns egal. Wir sangen krumm und schief mit. Roxy schnappte sich Sheyla und tanzte mit ihr ums Lagerfeuer. Es war das minimalistischste, was ich je mit Freunden unternommen hatte. Aber die Flammen und Gesänge erfüllten mich mit Wärme und gaben mir etwas zurück an dem ich schon lange zweifelte: Hoffnung.

Nachdenklich blickte ich auf die schlafende Gestalt in dem Bett. Sie zuckte ein paar Mal im Traum. Als sie sich im Schlaf zu mir umdrehte erfasste mich ein Schock. Es war Sheyla, aber nicht die Sheyla, die ich kannte. Sie war ausgemergelt und blass. Ihre dunklen Augenringe signalisierten, dass sie zu wenig Schlaf bekam und ihre mittlerweile kurzen, fuchsroten Haare standen ihr wirr und stumpf vom Kopf ab. Ich starrte sie eine gefühlte Ewigkeit an, in der Hoffnung ihr Gesicht würde sich zu dem einer Fremden wandeln oder sie wäre schlichtweg eine Halluzination, als Nachwirkung von Leslies Tablette, aber nichts dergleichen geschah. Ich hatte mich gerade erst damit abgefunden in einer Psychatrie eingesperrt zu sein, aber Sheyla hier zu wissen, die mir sehr nahe stand, machte das Ganze unerträglich. Ich schloss die Augen und malte mir aus, dass das alles nur ein Albtraum sei.

 

Kapitel 7: Seelenwächter

Schwarze Tinte auf weißem Papier

sdc18297Stimmen drangen von allen Seiten an meine Ohren. Es roch nach modrigem Holz, Desinfektionsmitteln und verbrauchter Luft. Das Kuvert auf meiner Haut bewegte sich mit jedem Atemzug auf und ab. Mein Puls raste und mir war abwechselnd heiß und kalt. Was würde passieren, wenn man mich mit dem Brief meines Vaters erwischte? Er war schließlich Märtyrer der verbotenen Rebellenbewegung. Weiterlesen

Atommüll- ein unlösbares Problem?!

nuclear-waste-1471361_640Durch eine Freundin wurde ich auf die Doku „Versenkt und Vergessen – Atommüll vor Europas Küsten“ aufmerksam. Die Dokumentation ist zwar schon etwas älter, aber ich habe bis vor Kurzem noch nichts davon gewusst. Ich finde es beängstigend und begann mich im Zuge dessen intensiver mit der Problematik Atommüll und Endlagersuche zu befassen. Es ist nach wie vor brandaktuell. Durch meine Recherche erhielt ich Einblick in die Schwierigkeit und Komplexität des Themas Atommüll, erfuhr von den Abgründen der Atomindustrie und welche Gefahren hinter alldem stecken… Weiterlesen

Kritik am „System“

Sarah Lesch – „Testament“

Eigentlich bin ich nicht wirklich musikversiert, ich habe noch nicht mal ein bevorzugtes Genre. Manchmal muss es Nirvana sein, dann wieder Birdy  oder Mono und Nikitaman usw. Festlegen finde ich langweilig. Dennoch bin ich nicht anspruchslos. Ich liebe Songs mit gutem Text – mal gesellschaftskritisch, mal schnulzig, je nach Stimmung. Heute habe ich dank eines Posts auf Facebook Sarah Lesch entdeckt. Die Protestsongcontest- Gewinnerin schrieb den Song „Testament“ für ihren Sohn und gegen das „System“. Ich bin absolut begeistert! Weiterlesen

Libellenflügelschläge

dragonfly-873542_640Ich habe es tatsächlich gewagt! Bin von der tiefsten thüringischen Provinz nach Leipzig gezogen und habe mich mit meinem Freund, unserem Mitbewohner und Luna (unserer Katze) gut eingelebt. Ok, zugegeben ist mir die Stadt manchmal etwas zu hektisch und ich habe das Prinzip von Rad- und Fußgängerweg noch nicht so ganz durchschaut. Was soll ich sagen, ich bin eben ein richtiges Dorfkind und so wandle ich gleichsam fasziniert und gebannt durch die Leipziger Straßen – hier gibt es an jeder Ecke irgendetwas Neues zu entdecken, vor allem auf der facettenreichen Eisenbahnstraße, wo immer buntes Treiben herrscht. Weiterlesen

Maskenball

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Ein feiner Herr schwebt übers Pakett

und eine Dame spielt kokett mit ihrem eingedrehten Haar

Er hält ihr die Hand zum Tanze hin.

Sie ergreift sie und lächelt,

ganz wunderbar.

Ihre Lippen so sinnlich rot ausgemalt, jede Wimper und jedes Haar perfekt in Form.

Sie strahlt aus: Ich gehöre nicht zur ungeschminkten Norm.

Ein schönes Make-up hat sie da, makellos – ganz klar!

Was mag sich unter dieser Maske wohl verbergen?

Ein Pickel, Selbstzweifel oder ein schlechter Charakter

Mein ehrliches Herz fühlt sich gleich viel nackter

Bin entblößt und möchte mich verstecken

Mich mit Buchseiten, aufrichtigen Worten zudecken

Stattdessen verfange ich mich in diesem Netz aus Lügen

Ich kann nicht anders und muss mich fügen

Man reicht mir eine Maske

Ich setze sie mir auf

Das Getanze und Getue nimmt weiter seinen Lauf

Ich stehe am Rand und schaue zu

Werd‘ das Gefühl nicht los

Ich gehör hier nicht dazu!

Theater spielen können sie gut,

doch haben sie den Mut Gerechtigkeit zu sprechen

oder reicht es, wenn die Mandanten ordentlich blechen?

Ich schaue in ihre aufgemalten Gesichter

Steckt hinter manchen bereits ein Richter

oder ein Seelenverwandter,

vielleicht ein Dichter?

Oh bitte nehmt eure Masken ab

Schaut nicht so auf mich herab

Ich würd‘ mich gern mit euch verstehen

leuchtende Augen, errötete Wangen sehen

Ihr beachtet mich nicht

genießt die Aufmerksamkeit und tretet ins Rampenlicht

Was ist das bloß für ein Menschenschlag in den ich bald hineingerat?

 

Seelenwächter: Kapitel 6

Ausgesprochenes Geheimnis

 

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In den vergangenen drei Tagen drohte mir das träge Ticken der Zeiger den Kopf zu zerbersten, wie ein Presslufthammer. Die Sekunden schlichen dahin. Ich fühlte mich, als sei ich in einem tristen Ölgemälde auf alle Ewigkeit gefangen. Allein das Bröckeln der Farbe, wäre ein Beweis für den Fortlauf der Zeit. Und irgendwann würde ein aufmerksamer Betrachter das Briefkuvert unter meiner abblätternder Kleidung entdecken. Weiterlesen

Des Zeiten Himmel

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Ich überlebte die Nacht

Sie starb in meinen Armen

ein schriller Vogelschrei stach in ihr pechschweres Herz

Der Sonnenkönig tauchte die Welt in Farben

küsste meine Schläfen

säuselte Schlaflieder

und bettete mich in ein Kokon aus Licht

zur Ruh‘

Bis die Dämmerung den Sonnenkönig köpft

und sein Haupt blutend am Horizont entschwindet.

Dann bricht die Nacht herein

Luna taucht ein Stück der irdischen Welt in gespenstisches Licht

auf der Suche nach dem Sonnenkönig,

doch findet ihn nicht

Eine Himmelsjagd beginnt,

in der ein jeder dem anderen entrinnt

Zwei Liebende

getrennt durch die Eifersucht der Zeit

auf immer und alle Ewigkeit.

 

Seelenwächter: Kapitel 5

Ungeahnte Verbündete

 

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Mein Blick musste einen triumphierenden Ausdruck gehabt haben, während Dr. Haverings Gesicht schneeweiß wurde. Nach einer Weile hatte er sich wieder gefangen. „Nun, Miss Carter, welchen Schwachsinn wollte dieses Gör Ihnen noch auftischen?“ „ Es ist kein Schwachsinn. Das dürften Sie besser wissen, als ich.“, zischte ich. „Ach ja?“ „Roxy erklärte mir an jenem Abend, dass mein Vater die geheimen Machenschaften der Regierung aufdeckte und drohte diese zu veröffentlichen, daraufhin wurde er erschossen!“ „Ich bitte Sie Miss Carter…“, der Psychodoktor lachte freudlos. Weiterlesen