Neulich im Ballsaal

8689259708_83e67ec73f_n1Es war August und die schwüle Hitze eines herannahenden Gewitters lastete auf ihren schmalen Schultern. Neben ihrem Tanzpartner schritt die Fremde in dem schwarzen, luftigen Kleid durch die hohen Flügeltüren in den Tanzsaal.

Menschen flüsterten und tuschelten sobald beide den weitläufigen Raum betraten. Man hörte bewundernde, als auch niederträchtige Satzfetzen. Überall zischte und murmelte es, doch sie nahm es nicht wahr. Ein geheimnisvoller Dunkelhaariger, der ebenso undurchdringlich wirkte wie eine Schaufensterpuppe beanspruchte ihre ganze Aufmerksamkeit. Er wirkte unterkühlt. Fast wie im Leichenschauhaus, dachte sie und musste unwillkürlich lächeln. Die Fremde ermahnte sich selbst das dämliche Grinsen zu unterlassen. Sie sah schrecklich damit aus. 

Der Tanzpartner führte sie eine enge Wendeltreppe hinauf und geleitete die Fremde zu ihrem Platz, dabei stolperte er mehrmals über seine eigenen Füße, als er einer atemberaubend schönen Frau hinterherschaute. Die Frau an seinem Arm war es nicht. Schön? Nein, sie doch nicht! Sie war schon immer das Mittelmaß. Ein paar Kilogramm zu viel, um als perfekt schlank zu gelten und etliche zu wenig, um als übergewichtig angesehen zu werden. Sie war nicht schön. Die Fremde hatte kein perfekt symmetrisches Gesicht, dafür Sommersprossen. Keine blütenweißen Zähne, dafür korallrote Lippen, die im Winter ständig aufplatzten. Sie hatte keine großen Brüste, dafür ein rundes Hinterteil. Sie war nicht schön.

Aber vor allem hatte sie Narben auf der Seele. Die waren nicht zu übersehen. Die hatte sie sich selbst mit den imaginären Scherben eines zerbrochenen Spiegels zugefügt. Sie war ruhig und die Wenigsten wussten, wie sie mit dem verletzlich, melancholischen Blick umgehen sollten. Oft wurde sie gefragt, ob sie sich selbst etwas antun würde. Dann schmiss die Fremde ihren Kopf in den Nacken und lachte gellend. Nur Manchen fiel auf, wie übertrieben und hysterisch das Lachen wirkte. Oftmals sagte sie soetwas, wie „Nein ich könnte mir niemals Schmerz zufügen.“. Keiner kannte ihre imaginären Spiegelscherben und Alle gaben sich mit dieser Antwort zufrieden.

Als ihr Tanzpartner bekundete, dass er mit der atemberaubend schönen Frau tanzen will, wandte sich die Fremde stumm nickend ab. Sie stützte sich auf die Brüstung und schaute den bunten, umherwirbelnden Paaren auf der Tanzfläche zu. In der Menge vermochte sie das schwarze Hemd des geheimnisvollen Dunkelhaarigen auszumachen. Tatsächlich, in anmutiger Haltung schwebte er beim Wiener Walzer mit einer hübschen Dame im Arm an den restlichen Tanzpaaren vorbei. Dann erspähte sie ihren eigenen Tanzpartner mit der atemberaubend schönen Frau. Beide schienen sich prächtig zu amüsieren, doch das interessierte die Fremde nicht. Sie hatte nur Augen für den geheimnisvollen Dunkelhaarigen, der sich gerade ein unterkühltes Lächeln abrang, während seine Tanzpartnerin ihn glücklich anstrahlte.

Als der Tanz zu Ende war setzte man sich und trank etwas oder entfaltete seinen Fächer. Der Tanzpartner der Fremden blieb mit der schönen Frau auf der Tanzfläche stehen und schien das nächste Lied abzuwarten. Die Fremde seufzte und schritt an das gegenüberliegende, geöffnete Fenster. Sie registrierte angeekelt, wie zahlreiche lüsterne Männerblicke über ihren Körper wanderten. Die Fremde sah aus dem Fenster des Ballsaals. Der Vogelgesang war schon lange verstummt und wie auf Knopfdruck fing es an wie aus Eimern zu regnen. Der erste Donner mischte sich unter das Prasseln. Die Fremde schloss die Augen und sog den Geruch des allreinigenden, frischen Sommerregens ein.

Sie ging die Stufen der Wendeltreppe hinab. Da stand der geheimnisvolle Dunkelhaarige und blickte mit verschränkten Armen auf die tanzenden Paare. Ihre Füße trugen sie automatisch zu ihm und ihr Mund stammelte die Frage, ob er mit ihr tanzen wolle. Hast du nun auch dein letztes Fünkchen Selbstachtung verloren?, zischte ihre innere Stimme und rammte ihr eine der imaginären Spiegelscherben ins Herz. Die Fremde krümmte sich innerlich. Zu ihrer Überraschung zeigte sich der Dunkelhaarige einverstanden. Die Narbe würde blass werden, dachte sie sich, während er ihr auf die Tanzfläche folgte. Er hat aus Mitleid eingewilligt du dumme Gans. Sieh dich doch nur an, wie unbeholfen du dich gibst, sagte die Stimme. Sie vertanzte sich einmal, zweimal, dreimal. Der Dunkelhaarige zeigte sich zu ihrer Überraschung geduldig. Manchmal lächelte er sogar sein Schaufensterpuppenlächeln und sie konnte sich ein glückliches Schmunzeln nicht verkneifen. Sie redeten sogar über Dies und Das, Belanglosigkeiten, doch sie fühlte sich in seinem Arm, der ihr ein Gefühl von Sicherheit gab, zum ersten Mal seit Langem lebendig. Schließlich war der Tanz zu Ende und er entfernte sich.

Sie öffnete die Augen. Es nieselte nur noch.

Bild:  Fashion-Session? von Pflanze mit Hut unter CC BY-NC-ND 2.0

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6 Gedanken zu “Neulich im Ballsaal

  1. Hallo Rebecca…eine schöne und interessante Geschichte hast du da geschrieben. Beim Lesen erinnerte sie mich an ein Lied der deutschen Band „Echt“, ich glaube es heisst „Du trägst keine Liebe in dir“, was meiner Meinung nach auf die Hauptprotagonistin zutrifft.
    Zeitlos ist diese Geschichte ebenso, da auch heute noch Masken aufgesetzt werden und nicht alle Menschen wirklich zu dem stehen was und wie sie sind.

    Freue mich auf mehr von dir…liebe Grüße

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    • Es freut mich, dass dir die Geschichte gefällt. Ich dachte vor dem veröffentlichen: Na hoffentlich wird das jetzt kein Reinfall. Ich finde es immer unglaublich interessant zu erfahren, welche Gedanken anderen Menschen zu meiner Geschichte haben. Was das Lied betrifft: Ich glaube das kenne ich, bin mir aber nicht ganz sicher und werde es mir auf jeden Fall mal anhören.
      Die Protagonistin ist eine Figur, die selbst ich als Autorin unglaublich spannend finde, denn in meinem Kopf war sie voller Widersprüche. Aber vor allem hat sie sich selbst gehasst und stand sich im Weg, aber andererseits hat sie sich nach Geborgenheit und Sicherheit gesehnt und der geheimnisvolle Dunkelhaarige hat sie so fasziniert. Vielleicht weil er von außen so undurchdringlich wirkte wie sie.
      Was das mit den Masken betrifft, kann ich dir zustimmen. Das machen heutzutage leider viele Menschen. Einige weil sie bestimmte Ziele nur so erreichen können, andere um sich selbst zu schützen.

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  2. Hi,
    schöne Geschichte, gefällt mir!

    Das Foto, das du verwendet hast ist von mir – es ist natürlich ok, dass du es verwendest und ich freue mich, dass es dir gefällt, würde dich aber um eine Namensnennung bitten und vielleicht einen Link zu meinem Flickr-fotostream (nehme mal an, dort hast du das Bild gefunden?)

    Alles Liebe!
    Tina

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  3. Hallo,
    ich finde das Bild sehr schön und freue mich nun die endgültige Bestätigung zu haben, dass ich es verwenden darf. Nur leider weiß ich nicht genau, worauf du hinaus willst mit „Namensnennung“ und „Link zum Fotostream“. Ich habe meiner Meinung nach die nötige Quellenangabe unter dem Artikel vorgenommen. Also mit Name des Bildes, dein Name auf Flickr und die Lizenz. Korrigiere mich bitte, falls ich mich irre. 😀

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