Über die Schwierigkeit des menschlichen Miteinanders

15355091767_f9551048f9_n

Parabel von den Stachelschweinen

„Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welche sie dann wieder voneinander entfernten. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zu einander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.

Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.“

– Arthur Schopenhauer –

Ich fand Arthur Schopenhauers Parabel schon in der 10. Klasse sehr inspirierend und wahrheitsgemäß. Wie unschwer zu erahnen ist, beschäftigt sich diese mit dem menschlichen Zusammenleben. Speziell mit einer Situation, wo sich zwei Menschen mit ihren schlechten Eigenschaften (Stacheln) zu nahe kommen und ein Mittelweg gefunden werden muss.

Miteinander in der Familie

Ich bin Einzelkind, somit habe ich die Erfahrung mit einem Geschwisterkind teilen zu müssen nicht gemacht. Das hat seine Vor – und Nachteile und ich denke das ist allgemein bekannt. Weiterhin kennt bestimmt jeder den Konflikt mit den Eltern. Hier greift meiner Meinung nach die von Arthur Schopenhauer beschriebene Stachelschwein-Theorie. Je länger ich mit meiner Familie zusammen bin, desto deutlicher nehme ich ihre negativen Verhaltensweisen wahr, die mich irgendwann innerlich total aufregen. Wenigstens kann ich mich dann in mein Zimmer zurückziehen, wo ich meine Ruhe habe. Wiederum anders ist es, wenn ich lange Zeit bei meinem Freund war und wieder nach Hause komme, dann verläuft das Zusammenleben in den ersten Tagen komplett harmonisch.

Stacheln spüren in der Beziehung und Freundschaft

Ich bin mit meinem Freund nun fast seit drei Jahren zusammen und es ist meine erste feste Beziehung. Leider können wir uns nicht jeden Tag sehen, da er etwas weiter weg wohnt, deshalb habe ich seine „spitzen Stacheln“ wohl noch nicht so oft zu spüren bekommen. Trotzdem blieb der ein oder andere Streit natürlich nicht aus. Wenn ich über einen längeren Zeitraum bei ihm bin, gibt es mehr Differenzen zwischen uns. So habe ich das zumindest im Gefühl. Obwohl diese Disharmonien auch durch den Prüfungsstress ausgelöst wurden in dem wir beide bis zum Hals steckten. Nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl, dass Konflikte auf zu viel Nähe zurückzuführen sind.

In meiner Kindheit, zu Beginn meiner gymnasialen Laufbahn, hatte ich eine sehr gute Freundin, von der ich mich dann allerdings nach 2-3 Jahren distanziert habe. Bis dahin haben wir sehr viel Zeit miteinander verbracht und hatten zahlreiche schöne und lustige Momente, an die ich mich heute noch sehr gerne erinnere. Zum Ende unserer Freundschaft fühlte es sich an, als sei sie DAS Mädchen und ich nur Beiwerk. Ich fühlte mich nicht wahrgenommen und durch ihre berauschende Art und Ausstrahlung unterdrückt. Sie kam mir einfach perfekt vor und das tut sie auch heute noch oft, obwohl ich weiß, dass kein Mensch perfekt ist, trotzdem verkörpert sie alle Ideale. Sie ist schön, aber natürlich. Sie ist klug, aber verschanzt sich nicht hinter Büchern und Heftern. Sie ist unglaublich sportlich, sowie künstlerisch, als auch sprachlich talentiert. Vielleicht trafen ein oder zwei ihrer Eigenschaften auf mich zu, aber irgendwann merkte ich, dass es besser ist meinen eigenen Weg zu gehen. Einige werden sagen, dass meine Persönlichkeit nicht stark genug war, sonst hätte ich darüber gestanden und mich selbst so akzeptiert, wie ich bin; Andere werden sagen, dass mein Selbstwertgefühl zu gering ist, was ja irgendwie mit Erstbenanntem zusammenhängt und vielleicht haben diese Leute auch Recht. Was mich weiterhin mit der Zeit gestört hat war, dass sie sich ständig über mich lustig machte, wenn ich mal tollpatschig war, oder zu langsam und, und, und. Das darf man jetzt natürlich nicht falsch verstehen, denn sie wollte mich nicht ärgern oder Sonstiges. Sie hatte nicht die Absicht mich zu verletzen und trotzdem tat sie es und ich fühlte mich noch trotteliger und trampliger, als ich es sowieso schon in ihrer Anwesenheit tat. Ich denke dieses Gefühl ist auf die 3 Faktoren Pubertät, geringes Selbstwertgefühl und die Stachelschwein – Theorie zurückzuführen.

Mittlerweile bin ich wieder mit dem Mädchen befreundet und es funktioniert richtig gut. Mit ihrer Art kann ich jetzt besser umgehen, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass ich mich durch die Beziehung zu meinem Freund unglaublich weiterentwickelt habe. Ich bin selbstbewusster und offener geworden. Außerdem bin ich öfter mit mir im reinen. Weiterhin verbringen wir nicht mehr so extrem viel Zeit miteinander, somit spüren wir nicht die Stacheln des Anderen.

Umgang in der Klasse

Da ich gerade erst mein Abitur absolviert habe, kann ich ein Lied davon singen, wie der Umgang und Zusammenhalt in einer Klasse funktioniert. Zumindest kann ich schildern wie es bei mir war.

In der 5.-10. Stufe war ich in einer chaotischen Klasse. Bei uns war immer was los. Von Fenstersprüngen (aus dem 1. Stock) bis zu Prügeleien wurde nichts ausgelassen. Bei diesem Trubel war ich stille Beobachterin. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich den Lehrern gefallen wollte, sondern ich bin einfach eine ruhige Seele. Es ist auffällig, dass die Schüler meines Jahrgangs stark zur Gruppenbildung neigten und meistens blieb Jemand übrig. Nahm man diesen Jemand in seine Gruppe auf, wurde man gleich abgestempelt, z.B. unter „Streber“. Die Gruppenbildung an sich ist schätze ich einigermaßen normal, doch was mich wirklich abstieß war der Mangel an Zusammenhalt und gegenseitigem Respekt. Da wurde sich untereinander beschuldigt und verpetzt, was mir nicht einleuchtend schien. Kann man nicht zumindest ein Fünkchen Solidarität zeigen und einfach mal nichts sagen, wenn der Lehrer ungehalten fragt „Wer war das?!“. Stattdessen wurde sich auch noch an der „Bestrafung“ des Schuldigen ergötzt. Jetzt werden hier manche sagen, dass das etwas mit Recht und Gerechtigkeit zu tun hat, doch komischerweise zeigten immer diejenigen mit nacktem Finger auf angezogene Leute, die selbst am meisten Mist verzapft hatten.

Deswegen war ich sehr froh, als ich in die Oberstufe kam und dazu noch in einen Kurs mit Schülern, welche ich zwar nicht alle mochte, aber mit denen ich zurechtkam. Bis auf eine Ausnahme. Diese Ausnahme dachte mich im Mathematikunterricht regelmäßig auslachen zu müssen, hämmerte während des Unterrichts ohne Unterlass auf sein Handy ein und spielte in der Pause gerne betont lässig mit seinen Autoschlüsseln. Klar, man muss ja zeigen, dass man jetzt ein Auto hat und viel wichtiger: Wie erwachsen man doch ist.

Im Moment bin ich mit der Abiball Planung beschäftigt und da gibt es ebenfalls viel böses Blut. Über die banalsten Dinge kann sich nicht geeinigt werden und Vorschläge werden rigoros abgelehnt. Das ist wirklich unglaublich belastend, vor allem wenn man sich sehr viel Mühe gibt und dann wird gemeckert was das Zeug hält. Ein Verbesserungsvorschlag wird jedoch auch nicht vermittelt. Konstruktive Kritik geht anders. Langsam frage ich mich, ob das im Arbeitsleben genauso anstrengend wird, oder ob Leute, die gerne auf ihrer Meinung beharren auch irgendwann einmal erwachsen und einsichtiger werden. Meine beste Methode, um mich mit solchen Charakteren nicht herumquälen zu müssen, war mich so selten wie möglich mit ihnen abzugeben. Klar, man kann sich seine Mitschüler und Arbeitskollegen nicht aussuchen, aber wie man mit solchen Allround-Kritikern und ätzenden Persönlichkeiten umgeht, ohne, dass man in einem schwachen Augenblick seinen ganzen Dampf ablässt, habe ich leider noch nicht gelernt (bin für Tipps offen).

Ich denke, dass es für mich diesbezüglich noch viel zu lernen gibt. Außerdem möchte ich anmerken, dass auch ich ein Stachelschwein bin und sich die Spitzen manchmal nach innen richten. Ja, manchmal gehe ich mir auch selbst auf die Nerven. Vor allem meine Mitmenschen haben es nicht leicht, denn ich bin sehr emotional, komme manchmal nicht aus dem Knick oder bin genervt. Ich denke wichtig ist es Menschen zu finden, von denen man geliebt wird und denen der ein oder andere Pikser nichts ausmacht. Ich habe solche Menschen gefunden.

Ich würde mich über den ein oder anderen Kommentar freuen, denn mich interessiert, wie ihr mit schwierigen Charakteren umgeht und, ob ihr ebenfalls Erfahrungen mit der Stachelschwein-Theorie gemacht habt.

Bild: Streit von  RvMWillich unter CC BY-NC-ND 2.0

Advertisements

Ein Gedanke zu “Über die Schwierigkeit des menschlichen Miteinanders

  1. Nein, das wird im Arbeitsleben nicht besser. Im Gegenteil. Konflikte und schwierige Charaktere gibt es immer. Im Berufsleben muss man sich mit ihnen arrangieren, ansonsten geht es in die Hose. Zwar wird nicht so viel geredet, aber die Arbeit wird trotzdem gemacht. Dabei sind aber Absprachen genauso wichtig wie mit einem guten Team. So bin ich zumindest bisher gut gefahren und meine Kollegen werden mir wohl zustimmen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s