Die unheilvolle Welt der Anouk

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Zwei Leben

Der Wecker schrillte unerbittlich in seinen Ohren. Raffael stöhnte. Am liebsten würde er das dämliche Ding aus dem Panoramafenster seiner Penthauswohnung schmeißen. Was soll’s, dachte er sich. Es gab nichts was ihn in seinem Bett halten konnte. Mit einer Frau hatte er schon seit Jahren nicht mehr das Nachtlager geteilt. Nicht nach ihr. Er seufzte und streckte erst ein Bein und anschließend das andere über die Bettkante. Nachdem er geduscht hatte, entschied er sich für die schwarze Anzughose und das weiße Hemd. Mit geschickten Handgriffen band er sich die Krawatte. Sie hatte ihn im Anzug unwiderstehlich gefunden. Unwillkürlich berührte er seine Narbe, die quer über der linken Wange verlief. Die letzte Berührung von ihr war mit einem Messer, kurz bevor der Krankenwagen kam, um sie einliefern zu lassen.

Raffael war spät dran, als er in das Taxi stieg. Er musste pünktlich zu dem Meeting kommen, denn die Investoren waren bedeutend für die Aufrechterhaltung seines Unternehmens. Als er aus dem Taxi hievte, genoss er, wie jeden Tag, den Anblick des pompösen Gebäudes. Raffael richtete seine Krawatte und trat in die große Empfangshalle. Von da aus fuhr er mit dem Fahrstuhl 15 Etagen, um in den Sitzungssaal zu gelangen. Während er den Investoren seine neusten Modelle vorstellte, bereute er nicht vor einigen Wochen den Rhetorik-Kurs belegt zu haben. Auch wenn er  vorrangig auf die Frau in dem engen Rock geachtet hatte, hatte er trotzdem etwas mitnehmen können, was ihm nun zu Gute kam. Nach dem Meeting blieben die Investoren noch eine Weile, was für gewöhnlich ein gutes Zeichen war. Sie redeten bei einem Glas Champagner über die schöne Aussicht und das Wetter. Raffael liebte diese Oberflächlichkeiten und hasste es, wenn jemand tiefer grub. Deswegen verschrieb er sich ganz dem Business. Geld war ihm ohnehin wichtiger, als jegliche Art von menschlichen Beziehungen. Im Gegensatz zu den Freunden und Frauen blieb ihm das Geld immer treu. „Geld regiert die Welt“, hatte ihm seine Mutter ununterbrochen eingebläut. Damals hielt er sie für eine wahre Philosophin. Jetzt wusste er, dass sie eineverzweifelte, machtsüchtige Frau war. Er hasste diesen geldgierigen Teil an sich, der ihm seit dem Kindesalter angehängt wurde. Deswegen fing er irgendwann an mit seinem Geld leichtfertig umzugehen. Raffael verzockte es regelmäßig in Casinos und dergleichen. Am Ende war seine Rechnung der Drinks immer höher, als sein Gewinn und seine Mutter schrie ihn ohne Unterlass an. Es tat gut anders zu sein als sie. Schnell entwickelte sich seine Spiel -und Alkoholsucht, bis Raffaels Mutter ihn ohne Vorwarnung auf die Straße setzte. „Damit du zur Besinnung kommst Junge!“, hatte sie gekeift.

Als er Anouk kennenlernte, besser gesagt als sie ihn fand, wandelte sich sein Leben für immer. Er hatte sich am selben Abend, als seine Mutter ihn hinaus schmiss in der versifften Bar um die Ecke so massiv betrunken, wie noch nie. Als er die Straße überqueren wollte kam ein Auto, doch Anouk hielt ihn rechtzeitig zurück und kümmerte sich um ihn. Sie wohnte zusammen mit ihren wohlhabenden Eltern in einem Schloss und besaßen diverse Ländereien und Villen im Ausland. Raffael war ein Niemand, doch Anouk half ihm seine Geschäftsidee zu verwirklichen. Nun sehnte er sich so nach dem Geruch ihrer Haare, ihrer weichen Haut und sanften Stimme.

Als die Investoren endlich gingen, beschloss Raffael zu Fuß nach Hause zu gehen. Er brauchte einen kühlen Kopf, denn in letzter Zeit dachte er viel öfter an Anouk, als ihm lieb war. Auf dem Weg kam er an einer schicken Bar vorbei. Er war schon fünf Jahre nicht mehr in einem Casino oder in einer Bar gewesen. Nur einen Drink, dachte er sich. Raffael bestellte ein Glas Bourbon. Eine Gruppe junger Studentinnen in knallengen Miniröcken hielt Ausschau nach hohen Kontoständen und wie auf Knopfdruck wackelte eine zugekleisterte Blondine zu ihm herüber. „Ist hier noch frei?“, fragte sie das Offensichtliche und blinkerte dabei mit ihren Spinnenbein-Wimpern. Glücklicherweise lag eine Zeitung auf jedem Tisch, die Raffael nun mit demonstrativer Geste vor seinen Augen entfaltete und so tat als würde er lesen. Aus dem Augenwinkel registrierte er den verwirrten Blick der Blondine, deren Make up bröckelte, als sie das Gesicht verzog. „Ähhhh Entschuldigung ich habe Sie gerade etwas gefragt……hallo?….äh können Sie mich verstehen….ähhh…..Do you speak English?“. Raffael hielt die Zeitung vor sein Gesicht, denn er musste unaufhörlich grinsen. Der Rest der Studentinnengruppe verfolgte neugierig das Szenario und tuschelte. Zu Raffaels Entsetzen nahm die Blondine ihm gegenüber Platz, doch stand sofort wieder auf, zuckte ahnungslos und enttäuscht mit den Achseln, um schließlich in ihren High Heels davonzustaksen. Die Studentinnen musterten ihn verächtlich und wandten sich ihrem nächsten Opfer zu, bei dem sie mehr Erfolg hatten. Nach dem ein oder anderen Drink, Raffael hatte aufgehört zu zählen, wurde er regelrecht aus der Kneipe gekehrt. Volltrunken lehnte er sich an die Hauswand in einer Seitenstraße. Was bin ich nur ohne sie?,dachte er. Mit einer ungelenken Handbewegung schleuderte er sein Handy aus der Anzughose und bückte sich in Zeitlupe danach. Es war noch ganz und seine benebelten Sinne befahlen ihm Anouk anzurufen.

„Wer ist da?“, fragte eine misstrauische Frauenstimme am anderen Ende. „Ohhhh  hiii ssss Raffl.“, lallte er. „Was willst du Raffael?“, fragte die unterkühlte Frauenstimme. „Redn.“, sagte er. „Reden nach all den Jahren?“, sie lachte herzlos. „Hast du dir nun auch dein letztes Fünkchen Verstand versoffen? Ich werde jetzt auflegen!“ „Neiiii bitte…“ Die Frauenstimme am anderen Ende schwieg eine Weile. „Anouu? Bisss d noch da?“ „Warum musst du ständig diese alten Wunden aufreißen? Ich will…ich will verdammt noch mal, dass du mich in Ruhe lässt. Hast du verstanden?!“, sagte sie mit zittriger Stimme. „III wll sss wiiida gut machn Anouu…iiii versprechs dir.“, Raffaels Stimme klang verzweifelt. Nächste Woche 18 Uhr im alten Ballsaal.“,damit unterbrach sie die Verbindung. Anouk lehnte sich an die schäbige Blumentapete und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Was tue ich eigentlich?, fragte sie sich verzweifelt. Mit Blick auf den alten Ebereschen Schrank kam ihr eine Idee….

„Anouk!“, schrie eine alte schrille Stimme und riss die junge Frau aus ihren Gedanken. „Komm sofort hinunter und schau dir das Schlamassel an!“ Anouk seufzte. Nun durfte sie wieder das Geschrei über sich ergehen lassen. „Siehst du das?“, die Alte deutete mit ihrem Gehstock auf den Schimmel an der hohen Decke. „Selbst meine schlechten Augen erkennen was das ist! Bist du zu blöd das zu sehen oder tust du nur so, um dir nicht deine zarten Händchen schmutzig zu machen? Sieh es ein Süße die Zeiten mit Haushälterinnen und Prinzesschen auf der Erbse sind vorbei.“, die Alte trat schadenfroh grinsend auf Anouk  zu und offenbarte dabei ihren faulen Schneidezahn. „Also tue endlich was dagegen, denn Trübsal blasen bringt deine geliebte Mami und deinen geliebten Papi auch nicht zurück.“ Anouk stiegen Tränen der Wut in die Augen. Wie konnte ihre Tante es wagen so abfällig über sie und ihre toten Eltern zu reden. „Was ist eigentlich mit der Treppe? Ich habe dir letzte Woche schon gesagt, dass du jemanden suchen sollst, der sie möglich günstig repariert. „Maria ich habe dir doch gesagt, dass es niemanden gibt, der das für so wenig Geld machen würde.“,sagte Anouk mit zittriger Stimme. „Wie kann man sich nur so dumm anstellen!“, keifte Anouks Tante. „Du hast doch mal bei dem Chef von einer Renovierungsfirma geputzt…frage den doch einfach.“, sagte Maria leichtfertig. „Ich habe dort gekündigt, weil er mich anfassen wollte. Ich werde ihn garantiert nicht um Hilfe bitten.“, erwiderte Anouk empört.  „Dann tue ihm doch den Gefallen.“ „Was?“ „Die eine Nacht wird dich nicht umbringen. Außerdem hast du sowieso schon längst dein letztes bisschen Würde verloren. Er macht uns bestimmt einen guten Freundschaftspreis.“ „Bist du des Wahnsinns? Ich werde garantiert nicht mit einem adipösen, arroganten Sack schlafen nur um deine heruntergekommene Villa zu retten.“ Daraufhin fing sich Anouk eine Ohrfeige ein. Die alte Frau beugte sich zu der am Tisch sitzenden Anouk herunter, sodass diese ihren schlechten Atem ertragen musste. „Wehe du wagst es noch einmal über die Villa von deinem verstorbenen Onkel so zu reden.“, sagte die Alte eisig. „Entweder du kümmerst dich, oder du fliegst hier raus. Du weißt, was dann passiert.“Das waren Marias letzte Worte, bevor sie aus dem Zimmer humpelte und eine am Boden zerstörte Anouk hinterließ. Dunkle Wolken umnebelten die Gedanken der jungen Frau. Sie musste die alte, gruselige, heruntergekommene Villa ihrer verhassten Tante retten indem sie sich prostituierte,denn das Gebäude zerfiel jeden Tag mehr und Anouk wusste sich keinen Rat. Ihr kamen die Tränen und sie schlang die Arme um sich. Ihr Körper war ihr Heiligtum und der Gedanke, dass diese schwammigen Wurstfinger sie berührten löste einen Würgereiz in ihr aus.

Raffael saß mit dem Kopf auf die Hände gestützt an der Bar des Casinos und gönnte sich seinen nächsten Drink. Hinter und neben ihm klingelte, ratterte und blinkte es. Seit vergangener Woche führte er eine Art Doppelleben. Tagsüber maskierte er den souveränen Geschäftsführer und abends verzockte er sein Geld und trank unermesslich. George, sein Mann für alles, brachte und holte ihn, denn Raffael suchte sich Casinos außerhalb der Stadt, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern einen Mitarbeiter zu treffen. Er kam sich selbst im besoffenen Zustand unglaublich schäbig vor, doch das Spielen und Trinken waren im Moment die einzigen Dinge, welche ihn fühlen ließen, dass er am Leben war. Nur Anouk konnte ihm aus dem Teufelskreis befreien. Er hoffte seine Fehler wieder gut machen zu können…wie sehr er sich doch täuschte.

Fortsetzung folgt…

Bild: Verzweiflung im Angesicht des Todes III von  Arkadius Dmytrow

unter CC BY-NC-ND 2.0

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Ein Gedanke zu “Die unheilvolle Welt der Anouk

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