Die unheilvolle Welt der Anouk

4334072961_bae78ed00b

Die Vergangenheit begleichen

Anouk seufzte als sie den uralten, ausladenden Kleiderschrank öffnete und kritisch ihre spärliche Auswahl beäugte. Allein die Hälfte ihrer wenigen Kleider waren von Motten zerfressen und jedes Mal wenn sie diesen gottverdammten Schrank öffnete, kam ihr die Gänsehaut, da die Türen quietschten und man erwarten könnte, dass einem aus dem Inneren irgendeine schreckliche Kreatur aus einem Horrorfilm entgegen gesprungen kam.

Schließlich entschied sie sich für das rote Kleid, was ihm damals so gut gefiel. Damals, als sie geglaubt hatte, dass er sie liebt. Ich war so naiv. Er würde dafür bezahlen, was er ihr angetan hat. Schon immer hatte Anouk einen großen Gerechtigkeitssinn und konnte es nicht ertragen, wenn die „Elite“, wie sich die Geschäftsführer, Bankiers, Politiker und Promis gerne insgeheim bezeichneten, andere Menschen ausnutzten und dafür ungestraft davonkamen. Als sie in den fleckig, matten Spiegel sah, musste Anouk unwillkürlich lächeln, denn sie sah unglaublich gut aus mit ihrem langen braunen Haaren, den großen dunklen  Augen und dem roten Kleid. Außerdem würde sie heute mit ihrem vergangenen Leben ein für alle Mal abschließen, ihre jähzornige Tante verlassen und was danach geschehen würde war ihr egal. Sie musste nicht immer einen Plan haben. Sie nahm ihre schwarzen Pumps in die Hand und ging vorsichtig die knarzende Treppe hinunter. Man musste behutsam sein, denn das uralte Holz war nicht sehr belastbar und ein paar Stufen waren schon gänzlich durchgebrochen. Im Foyer der alten Villa angekommen, kam ihre Tante mit ungewöhnlicher Schnelligkeit aus der Küche gehumpelt und packte Anouk am Arm. „Wo willst du hin? Hast du es dir doch überlegt und stattest dem Chef der Renovierungsfirma einen Besuch ab?“ „Nein!“, erwiderte Anouk entschlossen. Ihre Tante wirkte kurz überrascht, denn sie war diesen Tonfall von Anouk nicht gewohnt, doch dann fing sie sich und wollte zu einer ihrer nie ausgehenden Schimpftiraden ansetzen, als Anouk ihr zuvorkam. „Ich werde mich mit meinem Ex-Mann treffen. Und was dich betrifft: Ich bin es satt mir dein Gekeife länger anzuhören, auch wenn du und die meisten Menschen dieser verdammten Stadt denken, dass ich meine Würde verloren hätte, ist dem noch lange nicht so.“ Sie lächelte triumphierend, als sie den verdatterten Ausdruck in Marias Gesicht bemerkte. „Ich werde diese Stadt verlassen. Ich werde dich verlassen und zwar für immer.“ Sie blickte sich mit einem hämischen Grinsen um. „Ich denke, dass du auch ganz gut ohne mich klar kommen wirst und was deine Villa betrifft: Ich kenne da den Chef einer guten Renovierungsfirma und er macht dir bestimmt einen Freundschaftspreis, wenn du mit ihm schläfst.“ Anouk grinste süffisant und fing sich eine Ohrfeige von der Alten ein. „Was glaubst du eigentlich mit wem du hier redest Kind?!“ „Mit einer alten, verbitterten Frau, die ihren Mann krank gemacht hat und dasselbe nun mit mir versucht.“ Mit diesen Worten wandte sich Anouk zum gehen, doch dann drehte sie sich auf der Türschwelle noch einmal um und sah in die eingefallenen, trüben Augen der Alten. „Ach übrigens an der Küchendecke ist Schimmel. An deiner Stelle würde ich mich darum kümmern.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ mit triumphierender Haltung das von Gestrüpp und Dornen überwucherte Grundstück, ohne sich noch einmal umzudrehen und den hasserfüllten Blick ihrer Tante zu bemerken.

Als sie an dem Bahnhof der Kleinstadt angelangt war, hatte sie sich bereits entsetzliche Blasen in den Pumps gelaufen, doch sie merkte es kaum, da so viel Adrenalin durch ihren Körper schoss. Mit zittrigen Händen tippte sie auf dem Fahrkartenautomaten herum und warf das Geld ein, dabei fiel ihr eine Münze aus der Hand. Fluchend suchte sie den Boden ab, als eine Hand ihr auf die Schulter klopfte. Sie drehte sich um und sah in unglaublich schöne Augen die von schwarzen, langen Wimpern umrahmt waren. „Soll ich die Münze vielleicht für Sie einwerfen?“, fragte der gut aussehende Fremde, der ihre Münze gefunden hatte und grinste belustigt. Anouk schaute verlegen auf den Boden, sie strich sich eine Strähne ihrer Haare hinter das Ohr und räusperte sich. „Ja…ähh…das wäre wirklich nett.“  Der Fremde schmiss die Münze ein und übergab ihr das Ticket. „Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise.“ „Danke.“, sagte Anouk gepresst und lief mit schnellen Schritten zu dem wartenden Zug. Als sie sich erleichtert auf einen der leeren Plätze fallen ließ, rieb sie sich die Stirn. Sie hatte unglaubliche Kopfschmerzen. Ich muss jetzt einen kühlen Kopf bewahren und darf mich nicht so schnell ablenken lassen, sagte sie sich.

Nach mehr als drei Stunden Zugfahrt stieg Anouk aus und sah sich um. Kein Haus war weit und breit zu sehen, nur Bäume und Gestrüpp, doch die junge Frau wusste es besser. Sie lief über einen schmalen Trampelpfad, der in einen breiteren Waldweg mündete. Es war ein herrlicher, sonniger Frühlingstag und würde sie Raffael nicht treffen, hätte Anouk sich auf eine Bank gesetzt, die Stille und Natürlichkeit dieses Ortes gespürt, die Augen geschlossen und sich an die unbeschwerten Kindertage zurückerinnert. Sie hätte die Stimme ihres Vaters gehört, der mit ihr Fangen spielte und immer so tat als wäre sie zu schnell für ihn. Vielleicht hätte sie aber auch den Duft von Mamas selbstgemachten Erdbeerkuchen in der Nase gehabt und die lachenden Kinderstimmen ihrer Freunde im Ohr. Es hätte alles so schön kommen können, wenn ihre Eltern nicht den schrecklichen Autounfall gehabt hätten und Raffael nie in ihr Leben getorkelt wäre. Damals war sie eine gutherzige, ehrliche und mitfühlende, junge Frau. Sie hatte ihren Abschluss gemacht, als sie Raffael kennen lernte und zog mit ihm einige Monate später um. Raffael baute mit finanzieller Unterstützung von Anouks Vater das Unternehmen auf und sie war Jurastudentin im ersten Semester. Alles lief perfekt, bis Raffael gierig wurde, in dreckige Geschäfte einstieg und Steuern hinterzog.

Ihre Füße trugen sie automatisch zum verlassenen Anwesen ihrer Eltern. Wegen den Türmchen und Erkern nannten ihre Eltern es liebevoll „unser Märchenschloss“ und das war es auch jetzt noch. Inmitten von unberührter Natur stand das beeindruckende Gebäude. Von dem gepflegten Garten ihrer Mutter war nicht mehr viel zu sehen. Nur die Rose, die sie damals gemeinsam pflanzten kletterte unermüdlich die Hauswand empor. Nur ein vor der Tür parkender Porsche deutete auf Bewohner hin. Doch Anouk wusste es besser.

Raffael wartete bereits mehr als zwei Stunden auf Anouk und ging in dem ehemaligen Ballsaal auf und ab. Auf einem der Frühlingsbälle die Anouks Eltern jedes Jahr für Wohltätigkeitszwecke ausrichteten, hatten Anouk und er sich das erste Mal geküsst und nun trafen sie sich wieder hier, nach Jahren der Trennung, um…., ja, um was eigentlich?  Sich wieder lieben zu lernen? Sich zu versöhnen? Sich ein für alle Mal zu trennen? Er wusste es nicht. Er wusste nicht einmal was er Anouk sagen sollte, wenn sie ihm gegenüberstand. Eine Entschuldigung war zu untertrieben und das wusste er, aber was sollte er sonst tun?  In diesem Moment knarrte die schwere Eingangstür und Raffaels Nervosität steigerte sich ins Unermessliche. Durch die hohen Flügeltüren trat eine wunderschöne Frau mit braunem Haar und rotem Kleid. Sie war einst seine gewesen. Doch das Einzige was ihn an sie erinnerte war ihr Aussehen. Ihre großen, dunklen Augen strahlten keinerlei Wärme aus, eher sprühten sie vor Hass und ihre sinnlichen Lippen waren zu einem süffisanten Lächeln verzogen. Vor sich hielt sie eine Pistole und schritt mit einer katzenartigen Geschmeidigkeit auf ihn zu, um einige Meter vor ihm schließlich stehen zu bleiben und ihn mit schief gelegtem Kopf abwartend anzuschauen. Raffael stand völlig paralysiert da und brachte zunächst kein Wort zu Stande. Er starrte seine Exfreundin fassungslos an und sie starrte mit kaltherzigen Augen zurück. „Überrascht Raffael? Dass ich jemals in der Lage wäre mich zu wehren hättest du nicht gedacht stimmt’s?“ „Was…was tust du da Anouk? Bitte nimm die Waffe runter. Ich will doch nur reden.“ Sie lachte freudlos. „Es ist mir herzlichst egal, was du vorhast Raffael. Du hast mein Leben zerstört und als ich am Boden lag hast du weiter auf mir herumgetrampelt. Hast du ernsthaft erwartet, dass ich dir vergeben würde?“ Ihr Gesicht war hasserfüllt. Sie hatte Recht, wie hatte er nur so dumm sein können. Trotzdem versuchte er sein Schicksal zum Guten zu wenden. „Anouk du musst das nicht tun. Sie werden dich hinter Gitter sperren.“ „Denkst du, dass weiß ich nicht? Das ist es mir Wert Raffael.“, zischte sie. „Ich kann es wieder gut machen, wirklich.“, versuchte er sie zu beschwichtigen. Sie lachte laut, aber nicht auf die  melodisch, fröhliche Art, wie sie es früher tat. „Oh Raffael du bist so erbärmlich.“ Sie ging auf ihn zu, bis sie genau vor ihm stand und richtete seine Krawatte. „Weißt du ich hätte damals einfach zulassen sollen, dass man dich überfährt.“, raunte sie in sein Ohr. Raffael erstarrte in Anbetracht der harten Worte. Sie wandte ihm den Rücken zu und ging zu einem der großen Fenster und schaute hinaus. „Weißt du Raffael ich habe dich wirklich geliebt. Damals hätte ich alles für dich getan, doch du hattest irgendwann nur noch Augen für deinen Kontostand.“ „Nein so war es nicht.“, erwiderte er mit zittriger Stimme. „Ach ja?“ Aufgebracht drehte sie sich zu ihm um. „Und warum hast du mich damals einweisen lassen, als ich deine dreckigen Steuer- und Mafiageschichten aufdecken wollte?“Ich musste das tun….Anouk. Ich konnte nicht zulassen, dass mein Unternehmen verloren geht…. nicht nachdem ich so weit gekommen bin.“, sagte er leise. „Geld war dir schon immer wichtiger als alles andere stimmt’s? Selbst wichtiger als deine Frau.“, sagte sie schmerzerfüllt. „Bitte verstehe das nicht falsch…“, versuchte Raffael sich herauszureden. „Was gibt es da falsch zu verstehen? Du hast mich in die Psychatrie einliefern lassen , dir mein ganzes Erbe erschlichen und als du erfahren hast, dass ich schwanger von dir bin, hast du dafür gesorgt, dass ich mein Kind nie in den Armen halten werde.“, letzteres schrie sie. Raffael war verwirrt. „Hör zu Anouk, ich kann nichts dazu, dass du eine Totgeburt hattest.“ Anouk schnaubte verächtlich. Eine Totgeburt? Du tust echt alles um deine aufgesetzte Unschuld zu wahren.“, bemerkte sie verächtlich. „Ist dir immer noch nicht klar, was du mir angetan hast? Du hast sie mir weggenommen! Sie wandte sich erneut von ihm ab, damit er die Tränen in ihren Augen nicht bemerkte. Raffael war verstört und  geschockt. Wer um alles in der Welt hatte davon gewusst, dass Anouk ein Kind bekam und wollte es ihr entreißen? Er wollte gerade auf Anouk zugehen, die nun anfing zu schluchzen, als sich die Tür öffnete. In sekundenschnelle ertönte ein Schuss und Anouk sank leblos zu Boden. Raffael rannte zu ihr und fiel neben Anouk auf die Knie. Mit weit aufgerissenen Augen schaute er abwechselnd zu dem gut aussehenden Schützen und zu Anouk. „Was haben Sie getan?“, flüsterte der verzweifelte und geschockte Raffael. Die Kugel hatte Anouks Brust durchbohrt. Sie zuckte und röchelte. Er zerriss sein Jacket und versuchte einen Druckverband anzufertigen. „Wir brauchen einen Krankenwagen.“, schrie er verzweifelt und zückte sein Handy. Kein Empfang. „Es wird kein Krankenwagen kommen. Glauben Sie mir, es ist zu Ihrem Besten.“, sagte der Schütze und schritt selbstsicher und ruhig auf ihn zu. „Wer sind sie und woher wollen Sie wissen, was das Beste für mich ist?“, fragte Raffael mit zittriger Stimme. „Weil ich es weiß.“, sagte eine alte Frauenstimme. Um die Ecke kam seine Mutter gehumpelt und seine Augen weiteten sich noch mehr. Er brachte wieder kein Wort zu Stande, doch eins wusste er sofort: Sie hatte das Kind entführt. „Überrascht mich zu sehen mein Sohn? Wir haben uns zwar all die Jahre nicht gesprochen, aber ich habe dich stets aus der Ferne beobachtet.“ „Du hast mich ausspioniert!“, sagte Raffael nunmehr wütend. „Nenne es wie du willst. Ich bezeichne das als mütterliche Fürsorge.“, sie lächelte grausam. „Du hast mich rausgeschmissen und  dich niemals wirklich um mich gekümmert.“, seine Stimme bebte vor Wut. „Aber du siehst doch, dass es dir gut getan hat, mein Sohn.“ „Ich fühle mich nicht wie dein Sohn.“ Der Fremde ging auf Anouk zu beugte sich über sie und fühlte ihren Puls. „Du…“, röchelte sie. Der Schütze war der gut aussehende Mann vom Bahnhof. Er ist ihr die ganze Zeit gefolgt, ohne, dass sie es bemerkt hat. Dann kam seine Mutter angehumpelt und betrachtete Anouk mit einem hämischen Lächeln und entblößte dabei ihren fauligen Schneidezahn. Anouk riss die Augen auf „Maria…“, fragte sie ungläubig. Sie hustete und würgte. „Woher kennt sie dich?“, fragte Raffael ungläubig. „Oh weißt du mein Sohn. Dieses Mädchen ist deine Cousine.“ Er schaute sie ungläubig an. Dann nahm er die Waffe von Anouk, welche auf dem Boden lag und zielte auf seine Mutter, doch der Fremde kam ihm zuvor und schlug ihm mit einem schweren Gegenstand auf den Schädel. Raffael sank bewusstlos zu Boden.

Bild: Verzweiflung im Angesicht des Todes I von   Arkadius Dmytrow

unter CC BY-NC-ND 2.0

Advertisements

6 Gedanken zu “Die unheilvolle Welt der Anouk

  1. Total spannende, verwirrende Geschichte mit einer sehr überraschenden Wendung…wird es da noch eine weitere Fortsetzung geben? Mich würde ja interessieren was aus dem Kind von Anouk und Raffael geworden ist…und ging es letztendlich nur um das Geld? Und was wird jetzt aus Raffael?
    Jedenfalls ist sie gut geschrieben, fast ein bisschen märchenhaft 😀

    Gefällt mir

    • Vielen Dank! Ich hoffe, dass die Geschichte nicht allzu verwirrend war, falls doch, bin ich für Kritik und Fragen bezüglich des Inhalts offen. Ich habe tatsächlich bereits darüber nachgedacht und vielleicht wird es in Kürze eine oder sogar mehr Fortsetzungen geben.

      Gefällt 1 Person

      • Das klingt ja schonmal interessant…da bin ich mal gespannt. Ich persönlich finde es gut, wenn eine Geschichte Fragen aufwirft, insofern ist alles gut!
        Ich werde deinen Blog weiter verfolgen 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Die absurde Welt des Raffael – Teil 1 | buchstabenjongleurin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s