Der Wolkentürmer

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Mit versteinertem Blick, ein Glas Cognac in der Hand haltend, schaut er auf das wummernde, ratternde und stampfende Stück Erde hinab. Menschen versinken im zähflüssigen Schlamm. Die Welt ist eine Morastkugel. Hier und da strauchelt der ein oder andere auf dem letzten Stück festen Boden. Der Wolkentürmer hingegen, schaut auf seine Uhr. Es ist nur eine Frage der Zeit, alles ist eine Frage der Zeit, sogar im Himmel, wo man die schreienden Münder und die grotesken Gesichter der Versinkenden nicht sehen kann. Er wendet sich vom Schauplatz des Grauens ab und betrachtet sein Luftschloss mit einem schiefen Lächeln. Festen Schrittes geht er über die Brücke aus Wattewolken auf sein Kunstwerk zu und erklimmt die endlosen Treppen des pompösen Gebäudes. Treppen sind überall: Im und um das Schloss winden sie sich. Jede Stufe eine andere Struktur. Einige sind brüchig und wenig stabil, andere massiv und belastbar, einige sind kunstvoll geschwungen, doch keine ist wie die Andere. Die Treppen kreuzen, umschlingen, verbinden sich und formen sich ständig neu, wie der Rest des Schlosses. Trotzdem verläuft er sich nie. Er liebt Veränderungen und meistens lässt er die Wolken gewähren, wenn sie neue Türmchen, Erker und Fenster formen. Am meisten mag er es jedoch, wenn sich neue Treppen bilden, denn er weiß nie genau wohin sie ihn führen. Manchmal sind es Umwege, doch sie geleiten ihn niemals ins Nichts und so, wie keine Treppe ins Nichts führt ist kein Ereignis im Leben sinnlos.

Während er die Stufen erklimmt gleiten die Vögel über seine Köpfe hinweg. Der Wolkentürmer verweilt gerne und beobachtet wie die anmutigen Geschöpfe in den Lüften segeln. Sie sind so zwanglos und ungebunden, ganz anders als die Menschen auf der Erde. Er passiert die Tür aus Wasserdampf. Hier oben brauch man keine Schlüssel und massiven Türen. Was soll man dem Wolkentürmer auch wegnehmen? Meistens legt er sich in sein wohlig weichesWolkenbett und lässt die Gedanken ziehen. Manchmal liest er oder spielt  vor einem großen Publikum auf seinem Luftklavier. Er hatte nie ein Instrument gelernt, doch hier ist alles möglich. Wenn er sich einsam fühlt, erschafft er sich sein Wolkenfräulein. Er nennt sie Mapiya, das bedeutet Himmel. Sie ist nur ein kleiner Trost für den oft einsamen Wolkentürmer, doch bis jetzt hatte er keine andere Frau finden können, die gerne mit ihm in dem Schloss leben würde. Es war wohl zu abgeschieden. Das Wolkenfräulein Mapiya tanzt gern und somit verbringen die beiden oftmals sorgenlose Nächte damit.

Im Luftschloss geht es jedoch nicht immer friedlich zu, wenn der Türmer betrübt ist, ziehen Gewitterwolken heran und drohen sein Schloss neu zu formen oder gar zu zerstören. Nur mit reiner Willenskraft gelingt es ihm diese zu vertreiben und sein Schloss zu bewahren, doch vorsichtshalber hält er jeden Tag Ausschau nach trügerisch, dunklen Schleiern.

Gerade schaut der Wolkentürmer dem wunderschönen Sonnenuntergang zu, wie der blaue Himmel sich orange gelblich färbt. Es wird eine sternenklare Nacht werden und während er an den Horizont schaut sieht er ein Luftschiff. Der Wolkentürmer lächelt, denn nun ist er nicht mehr der einzige Himmelsbewohner, doch gleichzeitig denkt er an die vielen armen Menschen auf der Erde, die immer mehr  versumpfen.

Wer keine Luftschlösser bauen kann, versinkt im Morast des Alltags.

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