Old but gold #2 – Seelenwächter: Kapitel 1

Das Verhör

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„Okay Miss Carter..“ Der Graubärtige schielte über den Rand seines Glotzophons und betrachtete Malia mit einem prüfenden Blick. „Sind Sie bereit zu sprechen?“ „Ja, das bin ich.“, sagte ich mit kratziger Stimme. Doch eigentlich war ich mir nicht sicher. Es war so viel passiert in den letzten Wochen. Ich hatte Kreaturen gesehen, von denen ich nie zu träumen gewagt hätte, meine Mutter saß im Staatsgefängnis von Prion und ich war eine hilflose 18jährige, der ganz schwindelig wurde angesichts der vielen „Vorfälle“ in letzter Zeit. Nun, dann saß ich hier in einem lächerlich geblümten Nachthemd einer Irrenanstalt, das nach Seife meiner verstorbenen Uroma roch und musste einem Psychodoktor zum wiederholten Male meine Version der Ereignisse vortragen. „Wo soll ich anfangen?“, ich hatte ihm schon einmal alles erzählt, doch offenbar war es Teil meiner Therapie mich mehrmals die Woche zu wiederholen. Lächerlich, absolut lächerlich. „Am besten noch einmal von vorn Miss Carter.“ Ich seufzte entnervt und stützte den Kopf auf meinem Arm ab. „Also gut…„, sagte ich gedehnt. Der Wurstfinger des Graubärtigen drückte auf die winzige Taste des Abhörgeräts, was ich unter anderen Umständen urkomisch gefunden hätte. Ein rotes Lämpchen leuchtete auf und ich räusperte mich.

 „Es fing alles mit unserem Umzug an.  Meine Mutter wollte einfach nur noch weg von meinem Vater, weg von ihrer „Gedankenblockade“, wie sie ihn später betitelte. Meine Mutter war Autorin. Eine sehr gute sogar. Sie schrieb Fantasy und so einen Kram.“ „Haben Sie ihre Bücher gelesen Miss Carter?“ „Nein, erstens wollte sie das nicht, sie ist immer fast ausgeflippt, wenn sie meinen Vater dabei erwischte, wie er ihre unvollständigen Werke las und zweitens konnte man mich bis jetzt nicht zum Lesen begeistern. Schon gar nicht Fantasy. Ich frage mich, wie man sich durch solche Spinnereien unterhalten fühlen kann.“Wenn meine Mutter das hörte, würde es sie vermutlich kränken, aber es entsprach nun einmal der Wahrheit.

Hier in diesem fensterlosen, kalten Raum baumelte nur eine nackte Glühbirne von der Decke. Doch so nackt wie der Raum wirkte, war er nicht. Er war ausgerüstet mit moderner Technik. Mehrere Kameras und Lügendetektoren, die mit dem Chip in meinem Arm kompatibel waren hingen in allen erdenklichen Winkeln und Ecken. Bisher hatte es Niemand geschafft die Technik zu überlisten. Selbst Leslie, die Hackerin, nicht. Sie war nur nicht im Staatsgefängnis, weil sie zusätzlich Kleptomanin ist. Mir blieb nichts anderes übrig als die Wahrheit zu sagen „Na ja, zumindest müssen sie die Neigung das Fantastische in allen Dingen  zu sehen von ihrer Mutter haben.“, bemerkte der Psychodoktor mit einem überheblichen Lächeln. Er fühlte sich offenbar überlegen. Ich funkelte ihn wütend an. „Bitte fahren Sie fort Miss Carter. Wie war die Zeit nach dem Umzug für Sie?“

Ich sah das glückliche Morgen-Gesicht meiner Mutter lebhaft vor mir. Immer, wenn ich morgens die Küche betrat, fiepte mir das überschwängliche „Guten Morgen mein Schatz“ in den Ohren. „Der Umzug war die Hölle für mich. Ich konnte nicht einmal den Abschluss an meiner alten Schule absolvieren.“ „Warum sind Sie nicht bei Ihrem Vater geblieben?“ „Bei ihm hätte es nur Dosensuppe gegeben.“, erwiderte ich spöttisch. Der Graubärtige schnaufte und ließ seinen voluminösen Oberkörper noch tiefer in das Polster seines Sessels sinken. „Miss Carter…mit solchen Aussagen kommen wir nicht weiter. Das wissen Sie doch. “ Sein Blick durchbohrte mich. „Ich will die ganze Wahrheit wissen.“, fügte er hinzu. Ich schluckte schwer. In Prion war Transparenz ein sehr wichtiges „gift“, eines der „Geschenke“, der Gründungsväter an die sich jeder Bürger von Prion zu halten hatte, ansonsten gab es harte Konsequenzen. Der kleinste Verstoß reichte, um inhaftiert zu werden. Bei größeren Vergehen wurde man am jährlichen „bloody Sunday“, dem blutigen Sonntag ausgeliefert. An diesem Tag waren alle Schwerverbrecher Prions vogelfrei und die Elite hatte ihren Spaß Hetzjagden auszuführen. Meine Mutter und ich ließen am „bloody Sunday“, traditionell dem ersten Sonntag im Februar, alle Jalousien unten. Zum Glück war es keine Pflicht sich an den abstrusen Hetzjagden zu beteiligen. Jedenfalls weiß ich, dass es weitreichende Folgen hätte, wenn ich jetzt nicht die Wahrheit sagte. „Mein Vater…“, ich räusperte mich und rang um die richtigen Worte. „Nun, er hat ab und zu getrunken, also Alkohol, er hat Alkohol getrunken.“, presste ich hervor. Die Stirn des Graubärtigen legte sich in tausend Falten. „Wie viel?“ In Prion war es nicht verboten Alkohol zu trinken, aber bei massiven Konsum galt man als asozial und das grenzte an vogelfrei. Ich wollte meinen Vater um jeden Preis vor diesem Status bewahren. „Ab und zu mal…am Wochenende oder so. Er hat ja auch ziemlich hart gearbeitet als Sicherheitsminister von Prion und…“ Ein ohrenbetäubendes Piepen ertönte. Der Lügendetektor hatte ausgeschlagen. Der Graubärtige stützte sich auf die Armlehne seines Stuhls und als das Geräusch verstummt war, fragte er mich abermals: „Wie viel?“ „Jeden Tag…ein paar Drinks“, flüsterte ich und starrte betreten auf den Boden. Tränen stiegen in meine Augen, als mir bewusst wurde, dass ich soeben meinen Vater verraten hatte, der tot war, aber es bereitete mir höllische Schmerzen ihn so darzustellen. Der Alte drehte meinen Arm leicht und wies auf die Brandnarbe. „Hat er Ihnen das angetan?“ „Nein, er war besoffen und ich leichtsinnig.“ Der Graubärtige schaute verächtlich und zog die Stirn in Falten. Er gab ein missmutiges Schnauben von sich. Alles in seinem Gesicht schien sich zusammenzuziehen, was mich an den Ausdruck eines Trolls erinnerte. Er rief einen der breitschultrigen Hüter zu sich, die während der Therapie mit ausdruckslosen Mienen vor sich hinstarrten und mich im Notfall davon abhalten sollten anderen oder mir selbst zu schaden.  

Komisch, dachte ich. Bei Mary’s Sitzungen gab es nur einen Hüter. Offenbar stufte man mich als gefährlich oder unberechenbar ein und ich wusste nicht, ob ich das gut oder schlecht finden sollte. Der Doktor flüsterte dem Hüter etwas ins Ohr, woraufhin dieser den Raum verließ. „Darf ich fragen, was Sie dem Mann eben zugeflüstert haben?“, fragte ich etwas ungehalten. „Ich denke es ist besser für den Therapiefortschritt, wenn Sie zunächst nicht über alle Belange Bescheid wissen Miss Carter.“ „Belange?! Mein Vater ist also ein Belang? Um ihn ging es doch gerade nicht wahr? Für Sie sind wir doch nur Objekte. Sie behandeln uns von oben herab und schreiben uns vor, was gut für uns ist und was nicht. Was bilden Sie sich eigentlich ein? Sie sind nicht Gott!“ „Ich bitte sie Miss Carter, es gibt gar keinen Gott.“ Eine der unzähligen Regeln von Prion lautete „Es gibt weder Religion, noch Götter. Die Vergangenheit lehrte uns, dass Glaube ein Instrument von Macht und Terror ist. Zum Wohle aller ist die Ausübung jeglicher Glaubensrichtung untersagt. Bei Verstoß gegen die Regel 48 drohen bis zu 4 Jahre Gefängnis.“ „Ich weiß, dass es keinen Gott gibt und darum ging es auch gar nicht. Ich will jetzt verdammt noch mal wissen, was mit meinem toten Vater geschieht!“, dies schrie ich nun, denn anders konnte ich die dicke Hülle des Doktors wahrscheinlich nicht durchdringen. „Miss Carter bitte beruhigen Sie sich. Es wird…“ „Ich werde mich nicht beruhigen!“, schrie ich und schlug mit der Faust auf den Tisch. Zu meiner Zufriedenheit zuckte der Graubärtige für einen Augenblick zusammen. „Miss Carter, Sie wissen doch was passiert, wenn sie sich nicht beruhigen. Bitte tun Sie mir einen Gefallen und setzen Sie sich. Sie werden bald über Ihre Eltern informiert. Alles nach seiner Zeit.“ Ich setzte mich, denn ich wollte nicht eine von den  Giftspritzen, wie die Anderen sie nannten, bekommen, die für einen stundenlangen Schlaf sorgte und wovon mir so schwindelig wurde, dass ich mich fast jedes Mal nach dem Aufwachen übergab. „Können wir fortfahren Miss Carter?“ Ich nickte und zählte in Gedanken von 100 rückwärts, um mich zu beruhigen. „Wie war ihr erster Schultag in der neuen Stadt?“ „Beängstigend. Ich gehe Menschenmassen lieber aus dem Weg. Es war absolut demütigend.“ „Gab es solche Situationen bereits in Ihrer alten Schule in Femount?“ „Nein Femount ist ein kleiner Vorort von Prion. Ich kannte meine Mitschüler schon aus dem Kindergarten.“ „Okaaaay.“ Der Psychodoktor kritzelte irgendetwas auf sein Protokoll. „Sie erzählten mir in einer der vorherigen Sitzungen, dass die Halluzinationen und das Schlafwandeln, was bei Ihnen im Alter von sechs Jahren begann und anschließend therapiert wurde an diesem Tag wieder auftrat. Können Sie mir das bestätigen?“  „Ja.“ „Bitte schildern Sie, woran Sie sich noch erinnern.“ „In der Nacht war ich allein. Meine Mutter hatte schnell neue Bekanntschaften geknüpft und war bei ihren neuen Freunden zum Abendessen eingeladen. Ich setzte mich auf meinen Balkon und schaute in den Sternenhimmel. Ich dachte viel nach an diesem Abend. Über mein altes Leben in Femount und über den peinlichen Start in der neuen Schule. Ich erinnere mich an einen gellenden Schrei, der nicht abebbte und ging hinunter in die Küche und das Wohnzimmer, weil ich dachte, dass er von da käme. Doch dort war niemand. Ich ging weiter in den Keller, auch da konnte ich den Schrei nicht zuordnen. Danach kann ich mich nur bruchstückhaft erinnern. An Bäume. Mir war schwindelig…“ „Gibt es noch andere Anhaltspunkte?“ „Ja, da war dieses Haus. Es sah alt und verlassen aus. Ich erinnere mich, an diesem Haus war es ruhig. Keine Schreie mehr…und danach…ich, ich weiß es nicht.“ „Ok, schließen sie die Augen und versuchen Sie an den Ort zurückzugehen.“ Ich tat es. „Ich näherte mich dem Haus und wollte einen Blick durch die Fenster werfen. Doch da waren diese Hände. Sie packten mich…und“ „Ja?“ Plötzlich sah ich sie bildhaft vor mir… diese seltsamen Wesen. „Die linke Gesichtshälfte einer Person war völlig entstellt, durch extreme Schwellungen oder Missbildung. Der andere hatte ein schiefes Gesicht, Schwellungen am Hals und nur einen Arm. “ Der Doktor lehnte sich nach vorn, offenbar sehr fasziniert. Haben sie etwas zu Ihnen gesagt?“ „Nein sie…“ und plötzlich erinnerte ich mich, wie diese schrecklichen Kreaturen versuchten mich festzuhalten und die Kleider vom Leib zu reißen. Ich hatte es vergessen, verdrängt; doch nun standen die beiden wieder direkt vor mir und ich hielt mir die Hände vor das Gesicht, um den Anblick nicht ertragen zu müssen. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib. Bis ich einen leichten Stich im Oberarm spürte und mich dumpfe Dunkelheit empfing. 

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Ein Gedanke zu “Old but gold #2 – Seelenwächter: Kapitel 1

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