Seelenwächter: Kapitel 2

Blaue Murmeln

marbles-1018870_640Ein lästiges, kratzendes Geräusch weckte mich. Mein Kopf fühlte sich an, wie mit Watte gefüllt. Das Scharren und Kratzen klang gedämpft, aber dennoch deutlich wahrnehmbar.  Orientierungslos irrten meine Blicke im Raum umher. Ich blinzelte, als ich geradewegs in die grell flackernde Neonlampe sah. Die  kühlen Steinwände wirkten nichtssagend auf mich. Schmucklos und massiv standen sie da und verströmten nichts weiter als Kälte und Leere. Mein Blick wanderte zu dem Metallgestell des gegenüberliegenden Bettes. Auf der durchgelegenen Matratze saß eine in sich zusammengesunkene Frau, das blonde schulterlange Haar verfilzt und wirr abstehend. Während sie sich ihre Fingerkuppen an der Wand blutig scheuerte, irrte ihr Blick haltlos im Raum umher. Die rot unterlaufenen Augen weit aufgerissen, ihre Lippen bebten, als wollte sie etwas sagen. Natürlich, ich befand mich in der psychiatrischen Anstalt Prions. Schon seit vier langen und qualvollen Monaten. Ob ich wohl eines Tages ähnlich ticke wie sie, die Frau auf dem Bett? Mary war ihr Name. Vor den Toren dieser Einrichtung war ihr Name Mary, hier war sie eine Nummer, beliebig und gerade noch gut genug, um die neusten Medikamente zu testen. Ich setzte mich auf und fasste mir an die pulsierende Stirn, dann wagte ich ein paar Schritte in Marys Richtung. Sie starrte mich angstvoll an und kratzte schneller an der Wand, als wollte sie sich ins benachbarte Patientenzimmer durchgraben. „Mary? Es ist ok, du bist in Sicherheit“, log ich. „Bbbbitte nein, tun Sie mir nichts.“ Die Frau hörte auf zu kratzen und hielt die Hände schützend vor ihr Gesicht. „Ich werde dir nichts antun Mary, hörst du? Niemals“, sagte ich sanft. Doch wie immer schien Mary nicht wahrzunehmen was ich sagte, krisch als ich meine Hand leicht bewegte. „Sie hat ein Messer, sie will mich umbringen!“, schrie sie hysterisch. Sofort kamen Hüter angerannt. In der geschlossenen laufen sie immer im Doppelpack herum. „Patientin 1209″,das war meine Nummer, und Patientin 458 was läuft hier?“, fragte einer der Hüter, als er das Zimmer betrat.Es war der Alte, ich schätzte ihn auf Mitte 50. Er hatte ein blasses und eingefallenes Gesicht und die Furchen an seinen Mundwinkeln verliefen bis zum Kinn. Er schien kein besonders glückliches Leben zu führen. Trotzdem war er wohlgenährt und hühnenhaft. Die rot-schwarze Uniform spannte sich über seinem Bauch. An seinem Gesichtsausdruck war zu erkennen, dass es ihn nicht wirklich interessierte, was hier vor sich ging und schon holte er die „Giftspritze“ aus der abgewetzten, braunen Tasche, die er immer bei sich trug. „Wenn ihr nichts sagen wollt, von mir aus, ich habe noch eine dieser prachtvollen Exemplare bei mir.“ Er hielt die Spritze vor sich und betrachtete sie mit einem Lächeln, das seinen Steinbruch entblößte. „Jack!“ Ohne sich umzudrehen, winkte er den jungen Hüter zu sich, der in der Tür stand. „Mach dich mal nützlich und hol dir eine Spritze aus der Tasche, die beiden Ladys sind sich offensichtlich zu fein, um mit uns zu reden.“ „Moment.“, sagte ich mit zittriger Stimme. Der Alte schenkte mir ein triumphierendes Lächeln. „Ja Schätzchen?“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Also…ich, Mary kratzte an der Wand und ich wollte sie beruhigen, aber sie wurde immer hysterischer und dachte ich hätte ein Messer in der Hand.“ Der Alte wandte sich ab und schritt vor die Tür. Er las vor: „Patientin 1209 suizidgefährdet, gelegentliche Halluzinationen und Nachtangst“ Er pfiff durch die Zähne. „Patientin 458 paranoide Schizophrenie.“ Das Wimmern von Mary schwoll an und sie begann weiter an der Wand zu kratzen. Der Alte betrat wieder das Zimmer, betrachtete Mary verständnislos mit schief gelegtem Kopf. „Die hier bekommt eine verpasst“, er deutete auf Mary, „du durchsuchst mal die andere“, befahl er Jack. Das blonde Muskelpaket schritt auf mich zu. „Bitte…ist das nötig?“ „Oh ja das ist es Schätzchen, wir wollen ja nicht, dass hier jemand zu Schaden kommt.“, sagte der Alte und zwinkerte mir zu, während er Mary eine Spritze in den Arm jagte. „Dann wollen wir mal“, sagte Jack. „Heben Sie die Arme.“  Er durchleuchtete mich mit einem Körperscanner. Ich war Jack dankbar, dass er sich einigermaßen respektvoll verhielt, aber dennoch fand ich die Methode von Männern betastet und durchleuchtet zu werden als erniedrigend, zumal ich bloß im Patientennachthemd bekleidet vor ihm stand. „Alles ok.“, sagte Jack schließlich. Der Alte klemmte sich die abgewetzte Tasche unter den Arm, sagte „Eine schöne Nacht noch Ladies“, grinste anzüglich und verließ gemeinsam mit Jack das Zimmer. Ich ließ mich erleichtert, aber dennoch frustriert auf mein Bett sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Warum hast du mir das nur angetan Mum? Warum musstest du dieses beschissene Buch schreiben? Ich fühlte mich immer noch ausgelaugt, wahrscheinlich wegen der Spritze, die mir der Psychodoktor verpasst hatte und so sank ich zurück in mein Kissen und schlief ein.

Beim Aufwachen fühlte ich mich immer noch wie gerädert und stöhnte. Diese Giftspritzen machten ihrem Spitznamen alle Ehre. Ich setzte mich halb auf und plötzlich flutschte etwas unter meinem Kissen hervor, fiel auf den Boden und rollte weiter. Ich seufzte gequält. In Zeitlupe stieg ich aus dem Bett, um die Murmeln einzufangen. Ich hielt sie gegen das Licht und bewunderte die vielen Blautöne, welche sie je nach Lichteinfall annahmen. Elijah hatte sie mir geschenkt, weil ich sie so schön fand. Erst später teilte er mir mit, dass diese Murmeln das einzige Andenken an seine Schwester waren. Sie starb mit 8. Eine der Minen zerfetzte das kleine Mädchen, als es beim Spielen aus Versehen die Sperrzone betrat. Mir trieb es die Tränen in die Augen, als ich an das schreckliche Schicksal seiner Schwester dachte. Ich konnte mich noch lebhaft an den Dialog danach erinnern. „Du weinst ja.“, sagte Elijah besorgt. „Ja…ich, ich wusste nicht, dass du eine Schwester hattest und es tut mir so weh, was mit ihr passiert ist….weißt du es, es kommt mir so falsch vor, dass ich dir das einzige Andenken weggenommen habe nur weil ich es so schön fand.“ Wir starrten eine Weile vor uns hin, saßen unter dem Vordach der Garage und beobachteten den Regen. Irgendwann wühlte ich in meiner Jackentasche und kramte die Murmeln hervor. Ich hielt sie ihm hin und er starrte einen Moment nachdenklich auf meine ausgestreckte Handfläche, dann schloss er meine Finger. „Du hast mich aus dem dunklen Loch der Trauer befreit. Sie haben mir beigebracht zu leben Miss Carter.“, sagte er mit einem gewohnt sarkastischen Unterton in der Stimme und streifte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Mir stockte der Atem. Wir kannten uns nun schon mehrere Monate, doch dies war das erste Mal, dass er mich bewusst berührte. Ich konnte mich lebhaft an unsere erste, befangene Begegnung erinnern. Es war nachdem ich geschlafwandelt und im Wald aufgewacht bin. Elijah fand mich schlafend an einen Baumstumpf gelehnt. Als er mich sanft wachrüttelte war ich benommen und orientierungslos. „Hey kannst du mich hören?“ Ich blinzelte „Ja ich glaube schon…wer bist du?, nuschelte ich. „Nun, ich schätze deine Rettung. War wohl eine wilde Nacht, hmm?“ Er deutete schmunzelnd auf mein schmutzverschmiertes Nachthemd. Ich trug das weltpeinlichste Nachthemd überhaupt. Mit kleinen Kätzchen, die rosa Schleifen in ihrem Fell trugen. Und wieder dankte ich dem Himmel für diese göttliche Fügung. „Ja ich hatte sehr viel Spaß.“, erwiderte ich trotzig und Elijah’s Grinsen vertiefte sich. Er schlug vor mich nach Hause zu fahren.

Während der Fahrt herrschte betretenes Schweigen. Ich kam nicht umhin ihn ständig anzustarren und musste zu allem Übel feststellen, dass er mit seinem dunkelbraun, leicht gelocktem Haar, dem goldenen Hautton und den muskulösen, aber nicht übermäßig muskulösen, Armen echt scharf aussah. Ich sah auf seine Hände, die lässig das Lenkrad hielten und sank unwillkürlich tiefer in meinen Sitz. Ich hatte schon immer eine Schwäche für schöne, gepflegte Männerhände. „Magst du Nirvana?“, fragte er mich und der Schalk blitzte in seinen dunklen Augen. Ich fühlte mich ertappt und mein Hautton passte sich in diesem Moment an die Farbe der Schleifen auf meinem Nachthemd an. Ich zuckte mit den Schultern. Mein Mund war ausgetrocknet und ich hoffte schnellstmöglich dieser peinlichen Situation zu entfliehen. Kurze Zeit später ertönte „About a girl“ von Nirvana. „Ich dachte Nirvana wäre verboten. Es ist doch schließlich „alte Kunst“ und die ist in Prion verboten soweit ich weiß.“, brach ich das Schweigen. „Ich habe mal gehört, dass leicht bekleidet in der Öffentlichkeit auch verboten ist.“ Er verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln und ich spürte, wie ich rot wurde. „Aber wer hält sich schon an die dämlichen Regeln?“ Er zwinkerte mir zu.   Ich war erleichtert, als wir endlich in meine Einfahrt einbogen. „Ähhm dankeschön für’s herfahren.“ „Klar, habe ich gerne gemacht.“ Ich hievte mich ungelenk aus dem Auto. „Ist ja komisch, die Haustür steht offen. Meine Mutter müsste schon längst arbeiten sein.“  Elijah runzelte die Stirn und stieg aus. Ich betrat vorsichtig den Flur. Mir war mulmig zu Mute. „Muuum, bist du da?“ Keine Antwort. Ich ging in unsere Küche und erschrak. Alle Schubladen wurden aufgerissen und deren Inhalt auf den Boden verteilt. In den anderen Zimmern gab es ein ähnliches Bild. Ich raufte mir die Haare. „Na dann machen wir uns mal an die Arbeit.“, sagte Elijah hinter mir. Ich drehte mich überrascht um. „Du willst mir helfen?“ „Selbstverständlich, für den Haushalt brauchst du allein Stunden.“ Ich war verwundert über so viel Hilfsbereitschaft, die ich vom männlichen Geschlecht bisher gar nicht gewohnt war. „Ok“, erwiderte ich. „Wir fangen in der Küche an.“ Nach 2 Stunden waren wir fertig. Es wurde nichts geklaut und damals dachte ich, dass ich dieses Chaos während des Schlafwandelns angerichtet hätte. Als wir fertig waren verabschiedete sich Elijah. „Wohnst du eigentlich hier in der Nähe?“ „Nein ich bin nur auf der Durchreise.“ „Wie hast du mich dann in dem Wald gefunden.“ „Ich habe nach Pilzen gesucht, du weißt schon, den besonderen eben.“ Er zwinkerte mir wieder zu, verabschiedete sich und fuhr davon. Doch man sieht sich immer zweimal im Leben, manchmal sogar mehr als zweimal.

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Ein Gedanke zu “Seelenwächter: Kapitel 2

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