Seelenwächter: Kapitel 3

Nichts ist, wie es scheint

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Ich war wieder in den düsteren Industriehallen. Es war dunkel. Nur hier und da tauchte der Mond den riesigen Raum in gespenstisches Licht. Die kleinen, scheibenlosen Fenster klafften, wie seelenlose Augen in den Wänden. Bei einigen wurden die Scheiben nicht gründlich ausgeschlagen. Die Rückstände wirkten wie Reißzähne und schimmerten im Mondlicht. Irgendetwas tropfte stetig. Mich beschlich ein seltsames Gefühl. Meine Hände zitterten und ich fühlte mich wie ein Tier, dass sich einer Gefahr bewusst wird, sie jedoch nicht zuordnen kann. Ich drehte mich um die eigene Achse, versuchte in der Dunkelheit irgendetwas zu erkennen. Meine Sinne waren geschärft. Ich zuckte bei jedem Tropfen zusammen, der geräuschvoll auf den Boden fiel. Reiß dich zusammen!, schalt ich mich. Ich schaute mich noch einmal genauer um und suchte nach einem Ausgang. Stattdessen fiel mein Blick auf eine seltsame Gestalt, die durch das fahle Licht des Mondes sichtbar wurde. Ich traute meinen Augen nicht und schaute abwechselnd zu der Gestalt und wieder weg. Doch das Bild war jedes Mal dasselbe: Am Ende der verlassenen Halle stand jemand. Ich beschloss die Person vorsichtig anzusprechen, doch biss mir dann auf die Unterlippe, als mir Szenarien aus Horrorfilmen vor dem geistigen Auge erschienen. Damals, bei den gemütlichen Filmabenden auf der Couch meiner Freundin, als wir Schokolade gegessen und uns gegruselt haben, war alles viel einfacher. Wir brüllten damals gemeinsam den Bildschirm an und beschworen die potenziellen Opfer bl0ß nicht den Bösewicht anzusprechen. Nun war ich ebenso ratlos, wie all die unschuldigen Menschen in den Horrorstreifen. Ich lief auf und ab und starrte ununterbrochen auf die Gestalt, welche sich nicht vom Fleck rührte. Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf. Plötzlich stieß ich mit meiner Schuhspitze an eine Kiste voll Nägel oder ähnliches. Jedenfalls war ein lautes Scheppern zu hören, was durch die hellhörige Industriehalle potenziert wurde. Scheiße, Scheiße, Scheiße!!!, dachte ich. Nervös blickte ich zu der Gestalt, doch diese schien nicht einmal zu zucken. Schließlich brachte ich doch ein krächzendes „Hallo?“ über die Lippen. Keine Reaktion. Mit langsamen, bedächtigen Schritten ging ich auf die undeutliche Person zu, welche mir nach wie vor, so schien es, den Rücken zukehrte. Ich kam mir vor, wie ein Elefant im Porzellanladen. Das Schlurfen meiner Schritte wirkte unglaublich laut. Meine Sinne waren zum zerreißen gespannt. Normalerweise hätte die Gestalt am Ende der Halle mich längst bemerken müssen. Ich blieb stehen und schaute mich um. Hier musste es doch irgendwo eine Tür geben. Durch die Dunkelheit konnte ich kaum etwas erkennen und so bewegte ich mich auf die Wand zu. An den vom Mondlicht beschienen Stellen konnte ich nichts außer poröses Gestein und algenartigen Bewuchs erkennen. Ich tastete mich nun weiter auf der Suche nach dem vertrauten Gefühl einer Türklinke in meiner Hand voran. Ich wollte einfach nur wegkommen von diesem Ort und der seltsamen Gestalt, die in einer grotesken Stellung verweilte. Da! Ich vernahm das Tropfen wieder. Eilig tastete ich mich weiter voran, doch ich fand keine Tür, sondern bewegte mich stattdessen unausweichlich auf die Person zu. „Ha…Hallo?“, versuchte ich es erneut. Meine Stimme bebte. Ich stand nun weniger, als zwei Meter von der Gestalt entfernt.

Mit schreckensweiten Augen erkannte ich, warum die Person nicht auf mich reagiert hatte. Der Strick war an einem rostigen Leitungsrohr befestigt und wand sich um den Hals der Person. Die Füße baumelten einige Zentimeter über dem Boden. Ich wimmerte und schlug mir entsetzt die Hände vor den Mund. In Zeitlupe und in einigem Abstand ging ich um die Person herum. Meine erste Reaktion war ein spitzer Schrei, als ich die verrenkte Gestalt von vorn betrachtete. Anstelle des rechten Auges klaffte mir eine Höhle entgegen, aus der langsam, aber stetig rote Flüssigkeit tropfte.

Doch dann sackte ich unwillkürlich vor Erleichterung zusammen. Vor mir hang kein ermordeter Mensch, sondern eine grotesk zugerichtete Schaufensterpuppe. Da hatte sich jemand einen üblen Spaß erlaubt. Bevor ich mich richtig besinnen konnte ging hinter mir eine Tür auf und zwei kräftige Arme zogen mich hoch. „Hey, alle Achtung, dass du es bis hierher geschafft hast. Viele deiner Vorgänger machen sich schon am anderen Ende der Halle in die Hose.“ „Was geht hier vor sich?“, fragte ich erschöpft. „Na was wohl?!“, sagte der Fremde barsch, „Die Puppe soll Städter davon abhalten in unser Versteck zu kommen.“ „Versteck?“, fragte ich irritiert, während der Fremde mich durch eine weitere, düstere Industriehalle schleifte. Irgendetwas an ihm kam mir jedoch vertraut vor, war es sein Geruch oder seine Stimme. Es war wie eine dunkle, fast verblasste Erinnerung. „Das kann ich dir jetzt nicht erklären“, murmelte der Fremde ausweichend. „Ich muss dich erst mal zu den anderen bringen“ „Anderen?“ „Sag mal bist du ein Papagei?“ Er war hörbar genervt, aber als er bemerkte, dass ich immer noch am ganzen Leib zitterte, stellte er sich vor mich. „Ich versichere dir, dass nichts passieren wird. Wenn wir dich hier festhalten oder töten finden uns die Hüter in wenigen Stunden und das ist es eindeutig nicht wert.“ Ich sagte nichts und trottete stattdessen neben dem Fremden her, der meinen Arm umklammert hielt. Wahrscheinlich nur, weil er befürchtete, dass ich gleich umfallen würde. „Können wir mal eine kurze Pause machen? Mein Mund ist eine Wüste und ich habe mich immer noch nicht richtig von dem Schock erholt.“ Er ließ mich gewähren und ich setzte mich auf den kühlen Steinboden. Er trat zu mir und durch das einfallende Mondlicht konnte sie zum ersten Mal sein Gesicht betrachten. Dichtes, dunkles Haar fiel auf seine Schultern. Seine Augen waren dunkel und hatten im Moment einen besorgten Ausdruck. „Elijah?“ Mein Herz setzte für einen kurzen Augenblick aus. „So sieht man sich wieder.“, er verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Ich habe hier leider kein Wasser für dich, aber wenn du mir noch durch die nächste Halle und die Verwaltungsräume folgst, kann ich dich zu meinen Leuten bringen. Dort bekommst du etwas zu Trinken und zu Essen. Vielleicht wird dich Luciana nach Hause fahren.“ Ich nickte stumm und raffte mich auf. Schweigend passierten wir die nächste Halle und dann einige kleinere Räume, in denen Elijah seine Taschenlampe anknipste. Wir überquerten einen langen Flur, der mit verblichenem roten Teppich ausgelegt war. Nach gefühlten 100 Mal rechts und links abbiegen liefen wir auf eine Tür zu, durch die Licht sickerte. Stimmengewirr drang an meine Ohren. Elijah öffnete die Tür und wir traten ein. Sofort ebbten die Gespräche ab und acht Augenpaare waren auf mich gerichtet. Eine grazile Frau mit blonden, ungestümen Locken löste sich aus der Masse und schritt geschmeidig auf Elijah und Malia zu. Sie war, genau wie alle anderen, in schwarz gekleidet und gab Elijah einen Kuss auf die Wange. „Wer ist das?“, sie wies mit dem Kinn in meine Richtung und betrachtete mich geringschätzig. „Das ist Malia.“ „Ich dachte du wärst ausgestiegen?!“, der Ärger in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Luciana so einfach ist das nicht, lass es mich…“ „Nein! Ich habe deine Erklärungen so satt Elijah! Uns predigst du Monate vom Ausstieg und der Unabhängigkeit vor, aber selber arbeitest du noch für dieses Pack!“ Sie schüttelte mit dem Kopf und ihre Ohrringe klimperten. „Mach, dass sie hier verschwindet!“ Lucianas hellbraune Augen funkelten hasserfüllt, dann drehte sie sich auf dem Absatz rum, schob den dunkelblauen Vorhang zur Seite und verschwand. Der Rest sah verdattert und ratlos drein. „Roxy könntest du bitte nach Luciana schauen?“, fragte Elijah. Ein zierliches, elfenhaftes Mädchen erhob sich von der dunkelgrünen, abgenutzten Couch.“Klar, aber erst werde ich unseren Gast begrüßen.“, zwitscherte sie und lief geradewegs auf Malia zu. Mit ihrem beschwingten Gang und kurzen, schwarz verwuschelten Haaren wirkte sie unglaublich lebendig. Malia kam ihr zuvor: „Hi, ich bin Malia.“ Sie hielt Roxy die Hand hin, die ignoriert wurde. „Hi ich bin Roxane, aber alle sagen nur Roxy zu mir.“ Sie lächelte und umarmte Malia. „Na dann werde ich mal nach Luciana schauen.“, beschloss sie und eilte davon. Seltsam wie können zwei so grundverschiedene Personen, wie Luciana und Roxane es miteinander aushalten, dachte ich.“Was verschlägt denn eine Prion-Schlampe hierher?“, fragte ein braunhaariger Mann mit Vollbart, der lässig in einem Sessel fläzte. „Bitte Charlie…

Durch die ohrenbetäubenden Schreie wurde ich gewaltsam aus dem Schlaf gerissen. Augenblicklich saß ich im Bett und schaute mich völlig benebelt um. Sie hatten Mary. Die Hüter holten Mary, aber das war abzusehen. Sie war ständig krank und ihre Leber machte die zahlreichen medikamentösen Experimente nicht mehr mit. Ein flaues Gefühl machte sich in meinem Magen breit. Wann werde ich die nächste sein? Ich darf und werde so nicht enden!, erwiderte meine starke innere Stimme. Dabei bin ich gar nicht stark und mutig erst recht nicht, nicht so wie Elijah, von dessen zweiter Begegnung mit mir ich letzte Nacht träumte.

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Ein Gedanke zu “Seelenwächter: Kapitel 3

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