Seelenwächter: Kapitel 4

Verloren

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Ich dachte lange über Mary nach und darüber, was sie mir unter Tränen erzählte, als sie vor zwei Monaten begann mit mir das Zimmer zu teilen. Sie hatte geweint Tag und Nacht und ich wollte nicht fragen. Es lastete bereits zu viel auf meinen Schultern. Und so ging ich zu der zierlichen blonden Gestalt und nahm sie in den Arm. Ihre Tränen durchweichten mein Nachthemd und irgendwann fing sie an von ihrem Mann George zu erzählen mit dem sie auf einer Farm etwas außerhalb von Prion lebte. Sie war als Millionärstochter eines Unternehmers zu George auf das Land gezogen. „Wir haben uns auf dem Markt in der Altstadt kennengelernt“, sagte sie und ihre geschwungenen Lippen formten sich das erste Mal zu einem Lächeln, „Ich schätze es war sowas, wie Liebe auf den ersten Blick.“ Mary berichtete mir, dass ihr Mann nicht an Prion glaubte und schon lange Pläne hegte aus der Stadt zu fliehen. Mary wollte das nicht. Ihr genügte das Leben auf dem kleinen Bauernhof mit ihren Kindern Ben und Lia. Die Freiheitsbestrebungen ihres Mannes machten ihr Angst. „Wir hatten oft Streit deswegen und ich spürte, dass er unglücklich war, dabei erstreckten sich zu allen Seiten von unserem Hof aus mehrere dutzend Kilometer Wälder und Wiesen. Aber Ben ist ein Sturkopf und wollte nicht auf mich hören. Mit den Jahren entfernten wir uns immer mehr voneinander. Unsere Ziele waren nicht dieselben. Er blieb den ganzen Tag und oft die halbe Nacht hindurch draußen auf dem Hof oder in den Wäldern und ich wusste nicht, was er tat. Doch eines Tages, es war ein trister Novembermorgen, trafen drei Männer in hellen Anzügen auf unserem Hof ein und stellten sich als Hüter heraus“, Mary schluckte schwer und spielte nervös mit den Händen. „Sie sagten, dass George mitkommen soll wegen Fluchtvorbereitungen. Ich sah die Hüter an und verstand kein Wort von dem, was sie sagten. Wie konnten sie davon wissen, wir hatten keine Nachbarn und George hatte nur mir seine Bestrebungen mitgeteilt, aber nie davon erzählt, dass er bereits dabei war es vorzubereiten“, Mary fing wieder an zu schluchzen. „Plötzlich wusste ich, dass das der Grund war, warum George sich draußen die Nächte um die Ohren schlug uuu..und ich war so blind es nicht mitzubekommen.“ Sie weinte und nach einer ganzen Weile sprach sie schließlich weiter. „Eee..er hatte diesen Blick.“ Ich schaute sie verständnislos an. „Er dachte ich habe ihn verraten, ich habe es in seinen Augen gesehen. Sie waren gebrochen und entsetzt. Ich war von Anfang an gegen die Idee und dann dachte er ich hätte die Hüter beauftragt ihn zu holen. An diesem Tag wurde mir klar, dass wir überwacht wurden. Es konnte nicht anders sein.“ Mary bebte am ganzen Körper und ihre Augen waren rot vom vielen Weinen. „Er hat sich geweigert mit den Hütern zu gehen. Sie wollten ihn packen, aber er war schneller und rannte zum anderen Ende der Scheune, dort lag unter dem Heu eine Tür, die Tunnel darunter führen direkt in die Stadt. Sie existieren schon seit Generationen. Aber die Tür klemmte. Ich versuchte die Hüter aufzuhalten. Sie waren viel zu stark für mich.“ Eine Pause entstand und wir schwiegen. Mary’s Tränen waren versiegt, aber ich spürte das schwarze Loch in ihrem Herzen, dass den ganzen Raum ausfüllte. Meine Zunge klebte am Gaumen und ich hatte nicht genug Kraft, um sie zu lösen und einige mitfühlende Worte zu sagen. Aber in solch einer Situation hat man mit Worten sowieso zu viel gesagt. Ich ahnte bereits, was sie erzählen würde, als sie im Begriff war weiterzureden. „Ein Schuss fiel, die Kugel traf ihn direkt in die Brust.“ Mary senkte den Kopf. Es war das einzige und letzte mal, dass sie bei so klarem Verstand war und so viel mit mir sprach. Ich weiß nicht, was sie mit ihr machten, aber die Medikamente ließen sie vollends durchdrehen.

Schlüsselgeklapper vor der Tür meines Zimmers riss mich aus meinen Gedanken. Ich wusste schon, dass es Hüter waren, bevor ich die schwarz-rote Uniform sah. Der Alte trat dicht gefolgt von Jack durch die Tür. „1209 Dr. Havering will dich sprechen!“, sagte der Alte und packte sie am Handgelenk. „Mitkommen!“ „Aber ich habe noch nicht meine Essensration erhalten.“ „Dann isst du eben später.“ „Die Küche hat so lang nicht geöffnet.“, erwiderte ich kleinlaut. „Dann hast du eben Pech gehabt 1209!“, blaffte er mich an und zwang meine Handgelenke in die Handschellen, die bei starker Bewegung der Arme und Hände automatisch Stromschläge abgaben. Dann schob er mich hinaus auf den grellen Flur. Die Wände waren hier klinisch weiß gestrichen und die Neonlampen ließen alles noch heller und unnatürlicher erscheinen. Nach ein paar Mal rechts und links abbiegen gelangten wir zu Dr. Haverings Behandlungszimmer. Mir grauste jedes Mal davor. Der Alte stieß mich ins Zimmer und Dr.Havering drehte sich auf seinem Bürostuhl zu mir um. „Sieh an, sieh an.“ Er grinste hämisch. „Bitte setzen Sie sich doch“, sagte der Psychodoktor und wies auf den Stuhl gegenüber. Dr. Havering räusperte sich und wühlte in dem Stapel Papier vor sich herum. „Nun“, er rückte seine überdimensionale Brille zurecht. „Lassen Sie uns über Ihren Traum von gestern Nacht reden Miss Carter.“ Ich schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, um das Gefühl der überwältigenden Scham zu bändigen. „Sie hatten uns bisher noch nicht viel von der zweiten Begegnung mit Elijah erzählt. Der Traum war da schon sehr aufschlussreich, war aber leider abrupt vorbei.“ Eine Pause des unbehaglichen Schweigens entstand. Ich spürte seinen durchbohrenden Blick auf mir ruhen und schaute auf den Boden. „Also Miss Carter, sie wollen uns doch sicher mitteilen, wie es zu dieser ominösen Begegnung kam?“ Der Graubärtige zog erwartungsvoll die buschigen Augenbrauen hoch. Ich sah langsam auf. Mein Blick traf ein Paar eisig blaue Augen, die zusammengekniffen waren und mich frösteln liesen. „Es war eine blöde Wette.“, gestand ich. „Eine Wette?“, fragte der Psychodoktor ungläubig. „Mit wem?“ „Epheus und ein paar anderen Freunden. Ich verlor die Wette und musste deshalb als Erste das verlassene Haus am Waldrand erkunden.“ „Und die anderen waren nicht dabei?“ „Doch, aber die warteten draußen auf mich. Es hatte jeder Angst vor dem Haus, weil einige Leute manchmal Licht brennen sahen und sich das nicht erklären konnten.“ „Aber ist es da nicht naheliegend, dass dieses Haus besiedelt ist von den Armen?“ „Natürlich ist es das! Aber bei uns, in der ländlichen Gegend von Prion waren viele Menschen abergläubisch. Man hatte sich ja sonst nichts Interessantes zu erzählen, deshalb erfand man Gruselgeschichten über das Haus.“ Der Psychodoktor nickte. „Der Traum endete mit Charlie, blieben Sie danach noch länger bei den Rebellen?“ Ich zögerte und wollte dieser selbstgefälligen Qualle eigentlich keinen Gefallen tun, indem ich das was ich wusste offenbarte, aber die Kameras und Lügendetektoren fanden sowieso alles heraus. „Ja ich blieb noch eine Weile, eine Viertelstunde vielleicht. Elijah gab mir etwas zu trinken. Dann sprach ich mit Roxy und sie fragte mich aus…“ „Worüber?“ „Über alles, meine Familie, Hobbies und so weiter.“ „Was hast du ihr erzählt über deine Eltern.“ „Ich habe gesagt, dass meine Mutter Emilia Carter, eine berühmte Fantasy-Schriftstellerin ist und dass ich über meinen Vater James Greystone so gut wie gar nichts weiß, weil er nie wirklich für mich da war.„, auch jetzt noch erfasste mich diese Tatsache mit Trauer. „Was hat Ihnen Ihre Mutter über Ihren Vater erzählt?“ „Dass er ein egoistisches Arschloch war, weil er das Familienleben so gut wie aufgegeben hat, als ich drei Jahre alt war, um Sicherheitsminister von Prion zu werden….und, dass er ermordet wurde, von Rebellen.“ Der Psychodoktor wirkte kurz überrascht, fing sich aber sofort wieder und setzte seine gleichgültige Miene auf. „Was sagte….Roxane-richtig?“ Ich nickte. „Nun was sagte Roxane dazu?“ „Sie konnte es nicht fassen, dass James Greystone mein Vater war. An diesem Abend erfuhr ich, dass dieser Mann, mein Vater, ein Märtyrer und Vorbild der Rebellenbewegung ist.“

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