Seelenwächter: Kapitel 5

Ungeahnte Verbündete

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Mein Blick musste einen triumphierenden Ausdruck gehabt haben, während Dr. Haverings Gesicht schneeweiß wurde. Nach einer Weile hatte er sich wieder gefangen. „Nun, Miss Carter, welchen Schwachsinn wollte dieses Gör Ihnen noch auftischen?“ „ Es ist kein Schwachsinn. Das dürften Sie besser wissen, als ich.“, zischte ich. „Ach ja?“ „Roxy erklärte mir an jenem Abend, dass mein Vater die geheimen Machenschaften der Regierung aufdeckte und drohte diese zu veröffentlichen, daraufhin wurde er erschossen!“ „Ich bitte Sie Miss Carter…“, der Psychodoktor lachte freudlos. „Jetzt tun Sie wieder so, als sei ich verrückt geworden und werden mir so lange Medikamente verabreichen, bis ich es tatsächlich werde. Aber ich sage Ihnen eines: Ihre Scheiße hält nicht ewig! Was auch immer Sie, das Gefängnis und die Regierung unter dem Deckmäntelchen verzapfen, irgendwann kommt es ans Licht und die Menschen werden sich erheben!“ Wieder setzte ich mein triumphierend-überhebliches Lächeln auf, auch wenn ich keinerlei Grund dazu hatte. „Miss Carter Sie haben die blühende Fantasie Ihrer Mutter. Wir wollen Ihnen tatsächlich nur helfen. Ihre psychischen Probleme in den Griff bekommen.“ Der Graubärtige legte eine Pause ein und betrachtete mich eingehend. Ich schwieg. „Dazu müssen wir so viele Geschehnisse wie möglich aus Ihrer Vergangenheit rekonstruieren, um die Auslöser für Ihre Beschwerden zu erkennen.“ „Sie horchen mich aus“, bemerkte ich, allerdings wenig überzeugt von meinen eigenen Worten. Was ist, wenn der Alte mir wirklich helfen will? „Sie bedienen sich einer Verschwörungstheorie, die so alt ist, wie die Psychotherapie selbst.“ Der Alte lächelte sanft und ein gutmütiger Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Ich nagte an meiner Unterlippe und haderte mit mir. „Ich glaube es ist sinnvoll, wenn wir die Sitzung für heute beenden.“ Dr. Havering nickte den Hütern zu. Augenblicklich spürte Malia das kalte Metall der Handschellen und hörte, wie sich die Tür surrend öffnete. Jack brachte mich heute auf mein Zimmer, wobei ich den Ausdruck „Zelle“ für den fensterlosen, unpersönlichen Raum bevorzugte. Wir gingen schweigend nebeneinander her, als er mich plötzlich in einen Nebengang zerrte. Dort war ich noch nie zuvor. „Was soll das? Was tun wir hier?“, in meiner Stimme schwang Panik mit. Dies war definitiv nicht der Weg zu meiner Zelle. „Halt die Klappe!“, zischte Jack im Flüsterton. Ich versuchte mich aus seinen Armen zu winden, woraufhin ich mir einen Stromschlag durch die Handschellen einfing. Bevor mir ein spitzer Schrei entwich, legte Jack seine Hand auf den Mund. Er stellte sich vor mich und ergriff meine Arme „ Bitte beruhige dich und folge mir, ansonsten geraten wir beide in ernsthafte Schwierigkeiten.“ Seine grauen Augen hatten einen bedeutenden und flehenden Ausdruck. Ich nickte stumm und gemeinsam gingen wir weiter. Plötzlich erloschen die Lampen über unseren Köpfen und der Gang wurde in undurchdringliches Pech getauft. Ich hatte das Gefühl zu ersticken, als mich eine erneute Welle der Panik ergriff. Jack zerrte mich in einen Raum und hinter uns flog die Tür zu. Ich wollte schreien, aber mir blieb die Luft weg. Er setzte mich auf einen Stuhl und knipste eine Taschenlampe an. „Okay, jetzt atme tief durch Malia.“ Malia? Er sagte meinen Vornamen statt meiner Nummer. Ich war irritiert. „Ich weiß du bist verwirrt“, deutete er meinen Gesichtsausdruck richtig. Dabei zog er etwas aus der Hosentasche seiner schwarz-roten Uniform und übergab es mir. Ich sah ihn verdattert an. „Das ist ein Brief deines Vaters an dich.“ Meine Augen weiteten sich. „Er hat ihn geschrieben kurz bevor, na ja du weißt schon, kurz bevor er erschossen wurde“, fügte er leise hinzu. Ich sah ihn immer noch überrascht und verständnislos an, weder fähig etwas zu sagen, noch das mehrmals gefaltete Briefkuvert zu öffnen. Jack räusperte sich. „Charlie hat ihn mir gegeben. Er meinte du hättest ihn verdient, nachdem du nun so tief im Dreck sitzt. „DER Charlie?“, fragte ich nun ungläubig. „Ja, Anhänger der Greystone-Bewegung und Freund von Elijah.“ „Wie ist das möglich?“,ich starrte auf das Kuvert, als wäre es verhext. „Charlies Vater und deiner hatten oft beruflich miteinander Kontakt und daraus entwickelte sich irgendwann eine Freundschaft. Deswegen kennt Charlie deinen Vater.“ Jack verzog den Mund zu einem vagen Lächeln, das nicht die Augen erreichte. Irgendetwas sagte mir, dass die Geschichte nicht stimmte. Doch damals vermochte ich nicht zu sagen was es war. „Und woher kennst du Charlie?“ „Ich wollte Anhänger der Greystone-Bewegung werden. Charlie wohnte in meiner Straße und wir unterhielten uns oft. Er berichtete von unserer angeblich korrupten Regierung. Ich glaubte ihm zuerst nicht, dachte er sei ein Spinner, bis er mir die Beweise lieferte. Allein schon die Fotos von den Arbeiterhöfen außerhalb Prions und der Vororte überzeugten mich.“ Sein Blick war voller Schmerz. „ Hast du schon mal ein Bild von den Konzentrationslagern im dritten Reich gesehen? Die sind in so alten Geschichtsbüchern abgedruckt.“ „Ja“, sagte ich, ohne zu wissen worauf er hinauswollte. Die Menschen in den Arbeiterhöfen sind auch so ausgemergelt und zusammengepfercht. Niemand achtet auf die Bedürfnisse dieser Leute. Sie bekommen kaum zu essen und müssen arbeiten. Die Frauen und Kinder in der Textil-und Lebensmittelindustrie, die Männer in der Waffenherstellung. Jeden Monat werden ein paar Leute ausgewählt, die diese Waffen testen müssen. Man munkelt es seien die bestialischsten Kriegswerkzeuge. Berichtet wurde von biologischen Kampfstoffen.“ Ich war überrascht und entsetzt. „Im Fernsehen haben sie von Seuchen gesprochen, die auf unerklärliche Weise ausgebrochen sind und Leute aus den Vororten dahinrafften.“ „Auf unerklärliche Weise? Unfassbar, welche Lügenmärchen die Regierung uns auftischen will! Man hat da unten sogar mit radioaktiver Strahlung experimentiert. Deshalb treten bei den meisten Kindern in dieser Gegend Mutationen auf.“ Die Kreaturen…“, flüsterte ich. „Was?“ „Ach nichts.“ „Okay Malia ich werde dich jetzt zu deinem Zimmer bringen, denn die Lichter und Überwachungskameras gehen in vier Minuten wieder an. Nächste Woche wird es wahrscheinlich aufgrund des Stromausfalls Wartungsarbeiten geben. Ich könnte wetten, dass sie neue Kameras installieren, die unabhängig voneinander funktionieren. Das war schon längere Zeit angedacht. Dann wirst du so lange in das alte D-Gebäude gebracht und solltest versuchen den Brief mitzuschmuggeln, um ihn dort zu lesen. In deiner Zelle kannst du das jedenfalls nicht unbeobachtet tun.“ Ich nickte und Jack schob mich mit den Worten „Jetzt müssen wir uns aber beeilen.“ Aus dem kleinen Raum. Wir schlichen möglichst unbemerkt und flink die Gänge entlang. Kaum flog die massive Tür meines Zimmers zu, ertönte überall ein vielstimmiges Surren und die Neonlampen an den Decken nahmen unter protestierendem Geflacker wieder ihre Arbeit auf.

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Ein Gedanke zu “Seelenwächter: Kapitel 5

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