Seelenwächter: Kapitel 6

Ausgesprochenes Geheimnis

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In den vergangenen drei Tagen drohte mir das träge Ticken der Zeiger den Kopf zu zerbersten, wie ein Presslufthammer. Die Sekunden schlichen dahin. Ich fühlte mich, als sei ich in einem tristen Ölgemälde auf alle Ewigkeit gefangen. Allein das Bröckeln der Farbe, wäre ein Beweis für den Fortlauf der Zeit. Und irgendwann würde ein aufmerksamer Betrachter das Briefkuvert unter meiner abblätternder Kleidung entdecken.

An dem Tag wo sie die Kameras austauschten, saß ich auf dem Bett und betrachtete die blauen Murmeln von Elijahs Schwester. Immer wenn wir abends auf der Lichtung Lagerfeuer machten erzählte er von ihr und jeder war augenblicklich still. „Am liebsten war sie im Wald und bastelte aus Tannenzapfen, Moos und Ästchen lustige Figuren. Sie hatte eine ganz besondere Beziehung zur Natur und den Tieren“, sagte er, die Flasche Wein in der Hand haltend und seine Augen glitzerten im Schein der Flammen. „Manchmal hat sie Marienkäfer in ein Marmeladenglas gesammelt und mit nach Hause gebracht. Eines Abends kam sie mit einem Glas voll Glühwürmchen ins Haus gestürmt und war erschrocken, dass sie gar nicht so hübsch sind, wie im Dunkeln. Sie hat gedacht die Glühwürmchen hätten sich erschreckt, als sie sie gefangen hat und wären hässlich geworden. Sie hat den ganzen Abend geweint und sich nicht davon abbringen lassen, dass es nicht ihre Schuld war, dass die Glühwürmchen so aussehen. Er lächelte traurig. Er nahm einen großen Schluck aus der Weinflasche und schwieg eine Weile. „Es war ihr achter Geburtstag…“, setzte er an. „Du musst das nicht erzählen Elijah“, sagte Roxy sanft, doch er ignorierte sie. „Ich bereitete drinnen alles vor, ihre Freundinnen wollten am Nachmittag zu Besuch kommen“, seine Stimme bebte. „Sie ging mit ihrem Kescher auf das Feld hinter unserem Haus, um den besonderen Schmetterling zu fangen, den sie dort entdeckt hatte. Sie wollte ihn malen.“ Eine größere Pause entstand und eine Träne rann über sein Gesicht. „Ich hörte nur noch die Explosion“, flüsterte er. „Von da an war es vorbei“, sagte Elijah, als er sich kurze Zeit später wieder gefangen hatte. „Mein Vater gab mir die Schuld an alledem und dass ich sowieso nicht sein leibliches Kind war, machte die Sache nur noch schlimmer. Er verstieß mich. Zwar gegen den Willen meiner Mutter, aber was sollte eine Hausfrau schon gegen einen einflussreichen Arzt aus Prion ausrichten. Außerdem hatte er Recht. Ich war Schuld, ICH ALLEIN. ICH WAR SCHULD!!!“, schrie er und vergrub seine Hände in den Haaren. „Diese beschissene Stadt mit ihren Minen. Dieses scheiß System!“, er sprang auf und schmetterte die halbleere Flasche Wein an die Mauer des verlassenen Hauses. Ein Splitterregen ergoss sich auf die Erde und der Wein rann blutrot die Hauswand hinunter. Luciana erhob sich und eilte auf Elijah zu, der im Begriff war nach einer vollen Schnapsflasche zu greifen. „Es reicht jetzt Elijah!“, sagte sie kühl und ließ sich nicht einschüchtern von seinem freudlosen, beinahe geisteskrankem Gelächter. „Du solltest dich ausruhen und in Zukunft die Finger vom Alkohol lassen!“, fuhr sie ihn an. Elijah hob abwehrend die Hände und schwankte „Ohhh die heilige Luciana hat gesprochen!“, er lachte wieder sein irres Lachen. „Du willst immer entscheiden, was für Andere das Beste ist. Spielst dich auf, als wärst du was Besonderes, dabei hat deine Mami dich ins Heim gegeben, weil sie es mit irgendeinem Kerl aus dem Armenviertel getrieben hat und eine Vermischung von Arm und Reich nicht sein darf in dieser ach so tollen Stadt.“ „Halt die Klappe!“, zischte Luciana, doch Elijah ignorierte sie. „Ab deinem 14. Lebensjahr wollte sich dann keiner mehr um dich kümmern und um nicht ganz und gar auf der Straße zu leben, bist du stattdessen in den Betten der reichen Säcke gelandet.“ Seine Ausführungen untermalte Elijah mit theatralischen Gesten. „Aber du tust immer so, als hättest du das alles längst verarbeitet und würdest so gut mit deinem Leben zurechtkommen, dabei bist du nicht besser, als ich.“ Luciana verpasste Elijah eine Ohrfeige, die gesessen hatte. „Als ob du eine Ahnung hast, was in mir vorgeht“, zischte sie. „Wir alle haben schreckliche Dinge erlebt, aber keiner bemitleidet sich so sehr, wie du Elijah. Die Widerstandsbewegung war deine Idee und jetzt bist du das schwächste Glied in der Kette.“ Elijah schwankte und verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen, doch seine Fassade bröckelte mehr denn je.

Das alt vertraute Schlüsselgeklapper riss mich aus meiner Erinnerung, das Einzige was mir blieb, um nicht vollends den Verstand zu verlieren.In die Zelle traten zwei Hüter ein und hinter ihnen auf den Gängen wimmelte es nur so von schwarz-roten Uniformen. „Mitkommen!“, sagte ein Hühne mit krummer Nase schroff und packte mich am Arm. Der andere stand stumm daneben und folgte uns. Wir gingen durch ein Labyrinth aus Gängen, was mir noch verworrener erschien, als man mir die Augen verband. „Vorschrift.“, sagte die Schiefnase. Ich nickte nur und lies ihn anstandslos gewähren. Wir liefen noch eine gefühlte Ewigkeit durch die hallenden Gänge der Psychiatrie. Wahrscheinlich nahmen sie extra einen Umweg, sodass ich mir unter keinen Umständen ausmalen konnte wo der Ausgang ist. Schließlich hörte ich ein mechanisches Surren und kalter Wind peitschte mir ins Gesicht. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Seit Monaten hatte sich keine Böe in meinen Haaren verfangen, kein Windhauch meine Wangen gestreichelt. Ich sog die frische Luft tief ein. Es roch nach nassem Laub. Die Schiefnase schob mich im Eiltempo über den Platz. Viel zu schnell hörte ich wieder eine Tür hinter mir zuschlagen und irgendwie überkam mich das bedrückende Gefühl es sei für immer.

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Ein Gedanke zu “Seelenwächter: Kapitel 6

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