Kritik am „System“

Sarah Lesch – „Testament“

Eigentlich bin ich nicht wirklich musikversiert, ich habe noch nicht mal ein bevorzugtes Genre. Manchmal muss es Nirvana sein, dann wieder Birdy  oder Mono und Nikitaman usw. Festlegen finde ich langweilig. Dennoch bin ich nicht anspruchslos. Ich liebe Songs mit gutem Text – mal gesellschaftskritisch, mal schnulzig, je nach Stimmung. Heute habe ich dank eines Posts auf Facebook Sarah Lesch entdeckt. Die Protestsongcontest- Gewinnerin schrieb den Song „Testament“ für ihren Sohn und gegen das „System“. Ich bin absolut begeistert!

„Auch du warst mal ein Kind und auch ich war mal klein
Und auch uns ham sie was erzählt
Und dann macht man das alles und versucht so zu sein
Und dann merkt man das einem was fehlt
Und dann verlernt man, sich richtig zu spüren
Oder man flüchtet sich in Kunst oder Konsum
Und während ihr fleißig Pläne macht,
Lachen die Götter sich krumm
Lasst eure Kinder mal was dazu sagen
Hört ihnen richtig zu.
Die spürn sich noch, die ham Feeling für die Welt
Die sind klüger als ich und du

Und denkt dran bevor ihr antwortet:
Ihr seid auch nur verletzte Kinder.
Am Ende gibt’s wieder ganz neue Symptome, und ihr wart die Erfinder
Und dann sagt ihnen wieder, wie es richtig geht
„Werd erwachsen“ und „bist du naiv“
Predigt Formeln, lasst alles in Hefte schreiben,
Die Götter lachen sich schief

Achtet auf Schönschrift und Lehrpläne
Und dass sie die Bleistifte spitzen
Zeigt ihnen Bilder von Eichenblättern
Während sie drinnen an Tischen sitzen
Und dann ackern und büffeln und wieder auskotzen
Und am Nachmittag RTL 2
Am Wochenende geht’s was Schönes kaufen, fertig ist der Einheitsbrei
Und jeder der sich nicht anpasst
Wird zum Problemkind erklärt
Und jede, die zu lebhaft ist
Kriegt ‘ne Pille damit sie nicht stört
Und damit betrügt ihr euch selber denn
Kein Kind ist ein Problem
Und all die Freigeister, all die Schulschwänzer
Nur Symptomträger im System

Doch bedenkt wenn ihr so hart urteilt:
Ihr seid auch nur gefangene Geister
Der Unmut wird immer lauter
Und die Lehrer schreien sich heiser
Empört euch, dass Hänschen nicht ist, was er sein soll
Sondern nur, wer er nunmal ist
Die Götter pullern sich ein vor Lachen
Und ihr denkt, dass ihr was wisst

Und wenn Hänschen dann Hans ist
Der eigene Kinder hat, denen er was erzählt
Dann merkt Hans und Kunz, und ihr vielleicht auch,
Dass wieder irgendwas fehlt
Ihr habt Wünsche und Träume
Und rennt damit ständig an imaginäre Wände
Und jeder Wunsch den ihr euch erfüllt
Der ist dann halt auch zu Ende
Geht ihr nur malochen für erfundene Zahlen
Und wartet, bis die Burnouts kommen
Schmeißt euer Geld für Plastik raus
Um ein kleines Glück zu bekommen
Das Beste aus Cerealien und Milch
Noch ‘n Carport und noch ‘n Kredit
Und alle finden‘s scheiße aber alle machen sie mit

Ihr klugscheißert und kauft trotzdem
Und die Werbung verkauft euch für dumm
Und dann sitzt ihr vor neuen Flachbildfernsehern
Und meckert auf den Konsum
Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd
Die Götter lachen sich krumm

Ihr Traumverkäufer, Symptomdesigner
Merkt ihr noch, was passiert?
Wer hat euch das Land und das Wasser geschenkt,
Das ihr jetzt privatisiert
Ihr Heuchler, ihr Lügner, ihr Rattenfänger
Ihr Wertpapierverkäufer
Man hat euch Geist und Gefühl gegeben
Und doch seid ihr nur Mitläufer
Ihr großen, vernarbten, hilflosen Riesen
Ihr wart doch auch mal klein
Und jemand hat euch mit Schweigen gestraft
Und ließ euch darin allein
Und jetzt hört ihr nicht nur die Götter nicht lachen
Ihr hört auch ihr die Kinder nicht weinen
Und sagt ihnen weiter, es würde nicht wehtun
Ohne es so zu meinen
Macht ihr ruhig Pläne, ich steh am Rand
Ich sehe euch und ich bin nicht allein
Hinter mir stehen mehr und mehr Weltfremde
Die passen auch nicht hinein
Und jetzt wartet nicht auf ein versöhnliches Ende
Den Gefallen tu ich euch nicht
Kein Augenzwinkern, keine milde Pointe,
Die das Unwohlsein wieder bricht
Irgendwann werden die Götter nicht mehr lachen
Und falls es mich dann nicht mehr gibt
Hinterlass ich ein Kind, das sich selbst gehört
Und dies unhandliche Lied“

 

„Testament“ von Sarah Lesch hat den Protestsongcontest gewonnen.

Wir alle wollen Teil eines Systems sein, einen guten Platz in der Gesellschaft einnehmen, um respektiert zu werden, manchmal sogar höhere Anerkennung ernten. In meinem Umfeld habe ich von klein auf gelernt immer höflich und nie aufmüpfig zu sein. Immer pünktlich, gepflegt und ein tadelloses Verhalten an den Tag zu legen. Sicher, das sind keine schlechten Eigenschaften, doch manchmal habe ich das Gefühl irgendetwas läuft hier schief. Ich erfahre Ungerechtigkeit, doch habe einen Maulkorb um. Ich hadere zu oft mit mir, will nicht unhöflich sein und keinen Konflikt heraufbeschwören. Vielleicht könnte es mir auf die Füße fallen, denke ich mir. Manchmal habe ich das Gefühl auch solch ein „gefangener Geist“ zu sein von dem Sarah Lesch singt. Im Nachhinein meckere ich mich bei Freunden aus und insgeheim hasse ich mich dafür. Ich bewundere Leute, die sich trauen den Mund aufzumachen, anstatt es selber zu tun. Damit meine ich nicht sinnloses rumgepöbel, sondern kluge Kritik, wenn es an der Zeit ist.

Die Kritik Sarah Leschs am Schulsystem hat mich am meisten überrascht, normalerweise kannte ich das nur von Mitschülern. Sobald man mit Erwachsenen darüber sprach wurde man nur milde belächelt und hörte Aussagen wie: „Ach, später wirst du merken, dass die Schulzeit die schönste Zeit war.“ Ich habe zwar erst vor ein paar Monaten die Schule verlassen, aber das mit unglaublicher Erleichterung und einem fetten Grinsen im Gesicht, das hat sich bis jetzt nicht geändert. Endlich belastet das altkluge Gefasel der Lehrer nicht mehr meine Nerven. Bis zur zwölften Klasse hatte ich die Hoffnung nicht aufgegeben den Lehrern auf Augenhöhe zu begegnen, doch was blieb, war nur ein niedrig dosiertes Fünkchen Respekt. Als Schüler war man oft nur eine arme Hanswurst, die keine Ahnung von der Welt hat, oder sich nicht für die aktuellen Probleme der Welt interessiert. Ich habe die Schule verlassen und die aktuelle Konjunkturlage geht mir immer noch am Arsch vorbei, deswegen heißt es doch nicht, dass ich ignorant bin oder mich nur für Facebook interessiere und was einem da noch ständig an den Kopf geknallt wurde. Was mich am Schulsystem allgemein am meisten störte, ist das Bulimielernen („Und dann ackern und büffeln und wieder auskotzen“) Man lernt für Arbeiten, Klausuren, das Abitur und nach zwei- drei Wochen ist mehr als die Hälfte wieder vergessen. Allgemein würde man jetzt behaupten, dass das Bulimielernen an der betroffenen Person, in diesem Fall mir, selbst liegt, aber ich hatte in der 11. und 12. zwischen der Seminarfacharbeit, den normalen Leistungsfeststellungen und den Klausuren schlicht und einfach keine Zeit für regelmäßige Wiederholungen und irgendwann braucht man eben Freizeit. Ich finde anstatt die Fehler nur beim Schüler zu suchen, sollte der Unterricht praxisorientierter bzw anschaulicher gestaltet werden. Anstatt Bilder von Eichenblättern zu zeigen, sollte man mit den Schülern in den Wald gehen, um beim Beispiel Sarah Leschs zu bleiben.

Auch das zwanghafte in Schubladen stecken und zurechtbiegen-wollen ist typisch in der Lehrerschaft und pädagogisch weder sinnvoll noch wertvoll. Die Lehrer meiner Schule betrachteten mich als die Zurückhaltende, Introvertierte. Na ja, wenigstens hatte ich meine Ruhe. Andere hingegen wurden regelmäßig von den Lehrern „bearbeitet“. Dazu muss man allerdings einräumen, dass da wirklich manch schwieriger Charakter dabei war, trotzdem konnte ich nie verstehen, warum die Lehrer freiwillig ihre Stimmbänder reizten, indem sie arrogante und beratungsresistente Schüler ankeiften, während der Rest genervt die Augen verdrehte oder sich die Ohren zuhielt.

Eines muss ich jedoch einräumen: Es gibt natürlich Lehrer, die das komplette Gegenteil von dem oben beschriebenen Typ sind.

Sarah Lesch kritisiert natürlich nicht nur das Schulsystem sondern unsere abstruse Gesellschaft mit ihren Idealen, den Konsum und deren Mitläufern. Sie prangert Erziehungsweisen an, die den kindlichen Freigeist unterdrücken. Träume bleiben unerfüllt.

Ich denke mit „Testament“ ist es Sarah Lesch gelungen unsere Gesellschaft kritisch und wahrheitsgemäß darzustellen. Wir sollten wieder anfangen weltfremder zu sein. Anders zu denken und Außergewöhnliches vollbringen oder einfach nur das zu tun, was uns glücklich macht und vielleicht anfangen wieder mehr „Kind“ zu sein.

 

 

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4 Gedanken zu “Kritik am „System“

  1. Ein toller, tiefgründiger Text. Und wieder denke ich mir, zum Glück bin ich nie richtig erwachsen geworden, zumindest nicht so, wie es das “System” es vorsieht.
    Kannte ich noch nicht, aber gleich mal auf meine Playlist für heute… Danke für’s Teilen.

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    • Freut mich sehr, dass es dir gefällt. Ich glaube in uns allen steckt noch ein Kind, das Sehnsucht hat bei Regen in Pfützen zu springen und sich bei Sonne ins Gras zu legen. Aber irgendwann werden wir 18/19 und uns wird gesagt, dass wir jetzt mehr oder weniger auf eigenen Beinen stehen, das kann befreiend sein, aber auch unglaublich belastend. Dann werden wir älter und tragen mehr Verantwortung (im Job, evtl Kinder, Haus etc). Dennoch sollten wir es uns beibehalten nicht so streng und erwachsen zu sein mit uns und unserer Umwelt. Ich wünsche dir viel Spaß beim Anhören! (:

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