Kapitel 7: Seelenwächter

Schwarze Tinte auf weißem Papier

sdc18297Stimmen drangen von allen Seiten an meine Ohren. Es roch nach modrigem Holz, Desinfektionsmitteln und verbrauchter Luft. Das Kuvert auf meiner Haut bewegte sich mit jedem Atemzug auf und ab. Mein Puls raste und mir war abwechselnd heiß und kalt. Was würde passieren, wenn man mich mit dem Brief meines Vaters erwischte? Er war schließlich Märtyrer der verbotenen Rebellenbewegung.

Die Schiefnase nahm mir die Augenbinde ab. Seine zusammengekniffenen Augen durchbohrten mich. Ahnte er etwas? Mein Herzschlag setzte kurz aus. „Mach keinen Unfug.“, sagte er und klopfte mir auf die Schulter. Dann gesellte er sich zu den anderen schwarz-roten Uniformen. Mein Blick erfasste die hektisch umhereilenden Schwestern. Einige von ihnen hatten Spritzen oder Tabletten in der Hand. Die Hüter standen breitbeinig mit ausdruckslosen Mienen vor den Türen und beobachteten das Szenario, aufmerksam wie eine Raubkatze, die darauf lauert, sich jeden Moment auf ihre Beute zu stürzen.

Das einstmals pompöse Gebäude klagte mit jedem meiner Schritte auf dem Dielenboden über seinen Zustand. Der Wind bließ verdörrte Blätter durch das kaputte Glasdach. Vor mir erstreckte sich ein Meer aus weißen Nachthemden. Einige kauerten angsterfüllt in den Ecken. Blutunterlaufene Augen huschten rastlos von einer Ecke des Raumes zur anderen. Eine Frau mit zerzaustem Haar stand mitten im Raum und starrte ins Nichts. Ihr Mund formte geräuschlose Worte. Wiederum andere krischen hysterisch und schlugen um sich, während überlastete Schwestern versuchten sie mit der Nadel zum Schweigen zu bringen.

Jack hatte Recht, die perfekte Kulisse, um unerlaubt den Brief eines Staatsfeindes zu lesen. In der Menge entdeckte ich Leslie. Sie stahl eine Packung Morphium vom Medizinwagen, den eine Schwester an ihr vorbeischob. Sie sah mich und zwinkerte mir verschwörerisch zu. Ich lächelte unauffällig zurück. Ich schaute mich nach allen Seiten um und schob meine Hand unter mein Nachthemd und zog den Umschlag langsam hervor, während ich im Raum umherlief. Schließlich hielt ich triumphierend das Kuvert in meiner Hand. „Heey was hast du da?“, rief ein Wächter hinter mir aufgebracht. Ich erstarrte und drehte mich langsam um, das Kuvert immer noch in der Hand. Langsam und bedächtig. Ich überlegte, wie ich mich rausreden könnte, aber mir fiel nichts Sinnvolles ein. Ich hatte mich umgedreht und hatte erwartet in das kantige Gesicht eines Hüters zu schauen. Stattdessen sprachen diese mit Leslie. Ich atmete aus. Jetzt erst fiel mir auf, dass ich die Luft angehalten hatte.

Langsam durchschritt ich wieder das Meer aus weißen Nachthemden, bis ich in der Masse hinter einer korpulenten Frau stand und das Kuvert langsam öffnete. Ich biss mir auf die Unterlippe. Mein Herz hämmerte wie verrückt gegen meine Brust. Ich zog einen unordentlich und mehrfach geknickten Zettel aus dem Umschlag. Mit zittrigen Fingern nestelte ich ihn auseinander.

„Eines Tages wirst du verstehen.                                                                                                        

  Dein dich liebender Vater“

Ich las die beiden dahingekritzelten Zeilen einmal, zweimal, dreimal, doch der Sinn erschloss sich mir nicht. Es war nur Tinte auf Papier, wahllos, beliebig. So, als würden die Zeilen gar nicht mir gelten. Tränen der Wut und Trauer stiegen in meine Augen. Er hatte sich nicht verabschiedet. Mit plumpen Worten hatte er versucht sich zu entschuldigen und dachte damit sei alles wieder gut. War ich ihm so wenig wert? Zwei lieblos dahingekritzelte Zeilen, die keinen Sinn ergaben? Oder war mein Vater kurz vor seiner Hinrichtung nicht mehr Herr seiner Gedanken? Ich war maßlos enttäuscht und vergaß mich unauffällig zu verhalten. Eine klobige Hand grabschte nach dem Brief und riss ihn mir aus den Fingern. Entsetzt drehte ich mich um. Die korpulente Frau, die mir eben noch den Rücken zugewandt hatte, lachte erfreut und wedelte mit dem Brief umher, wie mit einem Hauptgewinn-Los. „Ich habe einen Brief bekommen.“, sagte sie dabei immer wieder und grinste über beide Ohren. Gebannt verfolgte ich das Szenario, bis ein Hüter und kurz darauf eine Schwester angerannt kamen. Es hatte sich bereits eine Traube um die üppige Frau gebildet. Ich ließ den Umschlag unauffällig fallen und stahl mich davon. Gerade noch so in Hörweite blieb ich stehen. Satzfetzen drangen an meine Ohren „…müssen sie mitnehmen…Brief…woher“ „Blödsinn…wahrscheinlich selbst geschrieben“. Der Hüter und die Schwester waren sich offenbar uneinig darüber, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Schließlich zerrte der Hüter die korpulente Frau in Begleitung der aufgebrachten Schwester fort und die Traube löste sich wieder auf. Was auch immer jetzt mit ihr geschah war meine Schuld. Ich hätte eingreifen können. Warum hatte diese dumme Gans mir den Brief aus der Hand gerissen, sie war selbst Schuld. Das versuchte ich mir einzureden.

Ziellos irrte ich mit gesenktem Blick im Raum umher. Bis Leslie zu mir stieß. „Siehst so aus als könntest du was gebrauchen.“ Ihre zur Faust geballte Hand offenbarte nun eine Tablette. Ihre dunkelbraunen Augen blitzten schmelmisch. Ich nahm die Tablette von ihrer Handfläche und betrachtete sie eine Weile, doch ich hatte mich längst entschieden. Kurzerhand legte ich sie mir auf die Zunge und schluckte. Was tut man nicht alles, um der niederträchtigen Realität zu entfliehen.

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Ein Gedanke zu “Kapitel 7: Seelenwächter

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