Seelenwächter: Kapitel 10

Alte Bekannte

personZurück in der Zelle lehnte ich mich an die Tür und massierte meine Schläfen. Kopfschmerzen bahnten sich an. Vielleicht durch die Tablette oder den Schuss. Außerdem nahm mich Jacks Tod mehr mit als gedacht. Er war einer von den Guten gewesen. Gleichzeitig wurde mir wirklich bewusst, dass hier nicht lange gefackelt wurde.

Wer querschlägt, stirbt. Das Prinzip war einfach und brutal. Ich verabscheute es. Okay, wir hatten einen Krieg überstanden und wollten jetzt alles tun, um ein geordnetes Zusammenleben zu gewährleisten. Trotzdem schien es mir, als seien mit dem Krieg nicht nur Menschen, sondern auch frühere, moralische Grundsätze gestorben. War es wirklich richtig die Sicherheit als Priorität zu setzen, auch wenn sie Menschenleben fraß und Ungerechtigkeit schuf?  Nachdenklich schaute ich auf die schmächtige Gestalt von Sheyla, immer noch schlafend. Ihr Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Ich überlegte, wie ich so schnell wie möglich an neue Medikamente herankam. Diese mussten den Chip nahezu lahmlegen, aber dennoch mein Bewusstsein nicht zu sehr beeinträchtigen. Ich durfte nicht einschlafen oder in einen Vollrausch geraten. Wie sehr ich auch nachdachte, mir fiel nichts ein. Mir blieb nichts übrig, als mit Leslie zu reden. Vielleicht wäre ich im Stande einen Fluchtplan auszuarbeiten. Aber angesichts der Überwachung dieser Psychiatrie war sowohl das Treffen mit Leslie, als auch die Ausarbeitung eines Fluchtplans schier unmöglich. Nachdenklich schaute ich auf das schwache, blaue Licht auf meinem Arm. Es flackerte in immer längeren Abständen. Die Wirkung würde also bald nachlassen.

Nach einer Weile klopfte es an die Zellentür. Komisch,dachte ich, soetwas geschah sonst nie. „Patient 1209“,erklang die kratzige Stimme eines Hüters gedämpft durch die massive Tür, „Sie haben Besuch!“ „Von wem?“, fragte ich irritiert zurück. „Das können wir Ihnen im Augenblick nicht mitteilen. Entscheiden Sie sich, ob Sie ihn sehen wollen oder nicht.“ „Ja..ja!“, erwiderte ich schnell, „Bitte geben Sie mir drei Minuten.“ Hastig kramte ich die Besucherkleidung aus dem Schrank hervor, die aus einem grauen Wollpullover und einer ebenfalls grauen, ausgewaschenen Stoffhose bestand. Mit zittrigen Fingern zog ich beides an. Der Wollpullover kratzte auf meiner Haut. Die Gedanken rasten durch meinen Kopf. Vielleicht hatte Elijah es geschafft hierher zu kommen, um mich zu sehen. Allerdings hätte das Überwachungssystem ihn schon mehrere Meter vor dem Gelände der Psychatrie identifiziert. Aber Elijah war nicht dumm, möglicherweise hatte er eine Möglichkeit gefunden, um Sheyla und mich hier rauszuholen. Andererseits könnte das Ganze auch nur ein Trick sein und man versucht mit mir dasselbe, wie mit Mary und zahlreichen anderen vor ihr. Ein Schauer lief mir über den Rücken. „Sind Sie endlich fertig?“, fragte der Hüter vor der Tür ungeduldig. Ich überlegte fieberhaft, was ich nun tun sollte. Ich könnte ihm einfach sagen, dass ich es mir anders überlegt hatte. Aber hätte er mich nicht einfach aus der Zelle geholt, wie Mary damals, anstatt sich die Geschichte mit  dem Besuch auszudenken? „Hallo, wird es bald?“, der Hüter klopfte unwirsch gegen die Tür. „Ja, ich bin so weit.“, erwiderte ich mit leicht zittriger Stimme. Das altvertraute Schlüsselgeklapper ertönte und die Tür ging auf. „Kommen Sie schon“, der Hüter machte eine winkende Bewegung nach draußen, „der Besuch erwartet Sie.“ Diesen Hüter hatte ich zuvor noch nie gesehen.Zwei tiefe Furchen zeichneten sich zwischen seinen Augenbrauen ab, obwohl er noch gar nicht so alt war, höchtens 25, schätzte ich.  Vielleicht war er ein Ersatz für Jack. Mir wurde übel bei der Vorstellung. Vorschriftsmäßig verband er mir die Augen. „Es geht los“, kündigte er an. Wie immer versuchte ich mir den Weg einzuprägen. Links, Rechts, Rechts, 16 Schritte geradeaus, Rechts, Links, Rechts…nein Moment: Links!, Links….ach verdammt. Wie immer gab ich irgendwann auf. Mit verbundenen Augen war es unmöglich sich solch einen Weg zu merken. Zumal ich immer das Gefühl hatte, dass wir Umwege gingen oder ab und zu im Kreis liefen. „Wir sind da“,sagte der Hüter schließlich, „versuchen Sie keine dummen Sachen, wie Ausbruch oder Ähnliches, der Raum ist wie jeder andere genauestens überwacht und ihr Chip funktioniert auch wieder“, er deutete auf meinen Arm, „wenn Sie fertig sind, drücken sie auf die Klingel gleich rechts neben der Tür, wenn sie reinkommen.“ Ich nickte und mit diesen Worten öffnete er die Tür und stieß mich hinein. Raum war für diese Größe untertrieben, Saal war treffender. Die Decke war hoch und die Fenster ebenso von einer imposanten Größe, wie aus einer anderen Zeit. Jedoch ermöglichten sie nur einen schwachen Lichteinfall, durch die Milchglasscheiben und dunklen Gitter davor, die wohl erst kürzlich eingesetzt wurden. Passten sie doch gar nicht zur ursprünglichen Erscheinung. Überall im Saal standen Tische und Stühle, die teils zu Tafeln aneinandergereiht wurden. Früher war der Raum vielleicht ein Tanzsaal, dann diente er offensichtlich eine Zeit lang als Cafeteria und nun war er Treffpunkt für Patienten und ihre Angehörigen. Eine Lampe in der Mitte des Saals beleuchtete eine massive Glaswand, die den Raum teilte, sowie einen Stuhl der davor stand, wie eine stumme Aufforderung. Die Gestalt hinter der Glaswand war aus der Ferne nur ein schattenartiger Umriss. Langsam, mein Herz schlug mir bis zum Hals, schritt ich auf die Gestalt zu, die angewurzelt dastand. Schließlich befand ich mich im Lichtkegel der Lampe. Die Person hinter der Scheibe kam ein paar Schritte näher. „Hallo Malia“, seine Stimme tönte blechern aus einem der Lautsprecher. „Epheus“. Ich war überrascht. Er lächelte und entblößte seine perfekten Zähne. Er hatte sich nicht verändert. Seine kupferroten Haare sahen immer noch aus wie vom Wind zerzaust. Er trug seinen grauen Wollmantel offen und darunter ein weißes Hemd in einer schwarzen Hose. Er hatte hohe Wangenknochen und seine Gesichtszüge hatten etwas undefinierbar verletzliches. „Wie geht es dir?“, fragte er mitfühlend. Ich ging nicht auf seine Frage ein. Es war demütigend, wie er mich jetzt sah. „Was willst du von mir?“, fragte ich stattdessen, ohne ihn direkt anzuehen. „Ich will dich hier rausholen.“

Advertisements

Ein Gedanke zu “Seelenwächter: Kapitel 10

  1. Pingback: Seelenwächter: Kapitelübersicht | buchstabenjongleurin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s