Die absurde Welt des Raffael

gehirnGelöscht

Die Alte kam zu dem Krankenzimmer hereingehumpelt. Mit besorgtem Blick, der irgendwie auf seltsame Weise verstellt wirkte, fragte sie: „Wie geht es dir Liebling?“ Raffael versuchte sich aufzurichten, doch sein Kopf dröhnte. „Na ja, abgesehen von ziemlichen Kopfschmerzen und einem seltsamen Traum, ganz gut glaube ich. Ich wollte eigentlich nicht, dass du mich so siehst Mutter. Ich weiß nicht was passiert ist, aber der Alkohol hatte mich vermutlich fest im Griff.“ Seine Mutter lächelte und nahm seine Hand. „Das bekommen wir schon wieder hin mein Liebling. Jetzt ruhe dich erst mal aus. Der Arzt wird gleich nach dir sehen.“ Mit diesen Worten humpelte die Alte aus dem Raum. Auf unerklärliche Weise jagte ihm das Klacken des Gehstocks seiner Mutter einen Schauer über den Rücken. In der Tür stehend wand sie sich noch einmal um. „Wenn du entlassen wirst, warte ich in deiner Wohnung auf dich Liebling.“ Mit diesen Worten humpelte sie aus dem Türrahmen und dem Krankenhaus mit einem fiesen Lächeln auf den Lippen. Raffael war verwirrt. Er hatte eine Wohnung? Er wohnte doch noch bei seiner Mutter. Er musste sich verhört haben. Raffael blieb keine Zeit darüber nachzudenken, denn soeben betrat der Arzt, der sich als Dr. Schwarz vorstellte, sein Zimmer. „Wie geht es Ihnen Herr Winter?“ „Abgesehen von den Kopfschmerzen ganz gut soweit.“ Der Arzt runzelte die Stirn, räusperte sich und rückte seine Brille zurecht. „Herr Winter, ich muss Sie darüber informieren, dass Sie durch einen unglücklichen Sturz  Gehirnquetschungen erlitten haben und infolgedessen möglicherweise ein Teil ihres Gedächtnisses entweder zeitweise oder gar nicht wiederkehren kann. „Was? Aber…das kann nicht sein…ich erinnere mich doch…meine Mutter und ich, mein Alkoholproblem.“ „Das ist gut Herr Winter, wie alt sind Sie?“ „21“ Der Arzt rückte erneut seine Brille zurecht und schaute auf die Patientenakte auf seinem Schoß. „Nun laut ihrem Ausweis und den Angaben Ihrer Mutter sind Sie 35.“ Raffael fing an zu lachen. Es klang freudlos. „Das soll wohl ein schlechter Scherz sein? Ist heute der 1. April?“ Zwei ernste Augen schauten ihn hinter Brillengläsern an. Abrupt hörte er auf zu lachen. „Herr Winter, ich weiß es ist schwer zu begreifen, aber vielleicht können Sie sich an 14 Jahre Ihres Lebens  nicht erinnern. Es gibt Möglichkeiten, wie Sie Ihr Gedächtnis Stück für Stück wiedererlangen. Wir sorgen dafür, dass Sie die bestmögliche Therapie bekommen.“ Raffael konnte es nicht fassen. Geschockt und stoisch starrte er auf die weiße Bettdecke. „Herr Winter, ich kann mir vorstellen, dass es eine schreckliche Erkenntnis für Sie sein muss. Wenn sie möchten kann ich Sie eine Weile alleine lassen und die Schwester beauftragen Sie so wenig wie möglich zu stören.“ „Nein!“, sagte Raffael entschlossen, „ich will meine Gedächtnislücken wieder füllen“. Dr. Schwarz lächelte. „Ihre Mutter sagte mir schon sie seien ein Kämpfer.“ Raffael schaute verwirrt. „Der Teil meines Lebens, den ich im Kopf habe besteht aus Alkoholexzessen, Aufenthalten im Casino und Streit mit meiner Mutter. Der Arzt lächelte erneut. „Ich kann Ihnen versichern, dass Sie aus der Abwärtsspirale von selbst ausgebrochen sind.“ Mit diesen Worten zeigte er ein Foto eines eindrucksvollen, verglasten Hochhauses. „Kommt Ihnen dieser Anblick bekannt vor?“ Raffael schüttelte enttäuscht den Kopf. „Was denken Sie, was es sein könnte?“ „Eventuell meine Arbeitsstelle?“ „Ja und sogar noch mehr.“ Raffael zog die Augenbrauen hoch. In diesem Moment ertönte von irgendwoher ein Telefonklingeln. „Ich würde vorschlagen Sie ruhen sich etwas aus und ein Therapeut stattet morgen mit Ihnen dem hübschen Gebäude einen Besuch ab. Was halten Sie davon?“ „Was soll mir das bringen?“, fragte Raffael verwirrt. „Bestimmte Geräusche oder Gerüche wecken Erinnerungen in uns wach, genauso versuchen wir Ihr Gedächtnis zu rekonstruieren. Also dann, ich werde mal ans Telefon gehen.“ Er deutete Richtung Flur und wandte sich zum gehen. „Danke, dass Sie mir helfen“, sagte Raffael aufrichtig. „Aber das ist doch selbstverständlich Herr Winter.“, mit diesen Worten verließ Dr. Schwarz den Raum. Eiligen Schrittes durchquerte er den Flur, um den Anruf noch rechtzeitig anzunehmen. „Ja, Dr. Schwarz hier.“ Die Dame vom Empfang meldete sich. „Es ist gut, dass Sie gleich dran sind Dr. Schwarz“, flötete sie. „Eine Frau Winter will sie umgehend sprechen.“ Die Empfangsdame schaltete Frau Winter durch. „Wie geht es meinem Sohn?“ „Na ja er hat wahrscheinlich Erinnerungslücken, also um genau zu sein eine große Erinnerungslücke.“ „Er denkt er sei 21.“ Raffaels Mutter lächelte am anderen Ende der Leitung zufrieden. Es fiel ihr angesichts der Situation nicht leicht besorgt zu klingen. Der Arzt nutzte ihr kurzes Zögern, um weiterzusprechen. „Frau Winter…ähm ich weiß nicht, wie ich sagen soll“, Dr. Schwarz rieb sich angestrengt über die Stirn „vorhin war ein Mann mit einem Aktenkoffer bei mir, darin war sehr viel Geld. Er sagte mir, dass Sie ihn geschickt hätten. Wie ist das zu verstehen…ich meine haben Sie ihn tatsächlich geschickt?“ „Genau darüber will ich mit Ihnen reden, kommen Sie auf einen Kaffee vorbei oder trinken Sie lieber Espresso? Die Adresse meines Sohnes dürfte Ihnen ja bekannt sein.“ Dr. Schwarz war verdutzt. „Bei allem Respekt Frau Winter, aber ich bin im Dienst.“ „Nun ich habe dafür gesorgt, dass Sie es für heute Nachmittag nicht sind. Ich erwarte Sie in einer halben Stunde.“ Damit legte die Alte auf und schaute zufrieden aus dem Panoramafenster von Raffaels Penthouse-Wohnung.

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