Seelenwächter: Kapitel 11

Zwiespalt

glas

Epheus schaute mich an und wartete. Ich starrte verständnislos zurück. Das Ticken von Zeigern durchschnitt die Stille. Die Gedanken rasten durch meinen Kopf. Ich bekam keinen zu fassen.

„Nein, ich kann nicht“, flüsterte ich schließlich. Meine Stimme schien mir fremd. Ich konnte nicht erfassen, was hier vor sich ging. „Du bist stark Malia. Du kannst den Leuten helfen, die du liebst.“ Er sah mich wieder auf dieselbe Weise an wie zuvor. Ich fragte mich, ob er von Sheyla wusste. „Nein, ich konnte noch nie jemanden retten. Das alles. Es wurde durch mich nur schlimmer.“ Ich starrte auf den grauen Betonboden. Auf seltsame Weise gab er mir ein Gefühl der Beständigkeit. Er fragte und urteilte nicht. Verlangte nicht von mir mich zu entscheiden. „Ich weiß es ist schwer für dich Malia, aber ich kann dir helfen. Komme mit, deiner Mutter zuliebe.“ Ich schaute auf. „Sie lebt?“ Er nickte zögernd. Ich war erleichtert, aber gleichzeitig hatte ich ein mulmiges Gefühl. Da war noch mehr, ich spürte es. Ich trat näher an die Glaswand. „Was weißt du?“, fragte ich mit bebender Stimme. „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um dir das zu erklären. Komm mit, lass mich dir helfen.“

Misstrauisch beäugte ich ihn. „Wieso soll ich dir trauen?“, zischte ich. Weshalb sollten sie mich einfach so gehen lassen? Wahrscheinlich bist du nur eine Projektion. Einer ihrer komischen Tricks, um mich zu brechen. Ich lass mich nicht verarschen, nicht schon wieder, hörst du?“ Ich schlug mit meinen Fäusten an die Scheibe. Epheus wich erschrocken zurück. Aus seinen Augen drang das Entsetzen. „Was haben sie dir nur angetan?“, flüsterte er. „Du weißt es doch!“, schrie ich. „Ihr wisst es!“, hektisch schaute ich im Raum umher, „ihr wisst es alle!“ Ich sank an der Glaswand in mich zusammen „Alle Menschen um mich herum sterben Epheus.“ Ich sah sie alle vor mir. Mein Vater, der hingerichtet wurde. Mary, wie sie sich ihre Fingerkuppen an der Wand blutig krazte. Jack, der von den Hütern erschossen wurde und Sheyla. Sheyla, die Hilfe brauchte. Auf Epheus Gesicht legte sich ein dunkler Schleier. „Bitte lass mich dir helfen“, sagte er. Ich drehte mich wieder zu ihm und musterte ihn eingehend. Schaute nach dem verräterischen Flackern einer Projektion, doch seine Konturen blieben scharf und klar. „Du wirst es bereuen, wenn du nicht mitkommst.“, sagte Epheus nun entschlossen. „Es ist wegen meiner Mutter stimmts?“, fragte ich. Er nickte wieder. Nervös knetete ich meine Handflächen und überlegte fieberhaft.

Schließlich stand ich auf, ging zur Tür und drückte den Klingelknopf. „Ich bin fertig.“, sagte ich, als ich das Klacken der Gegensprechanlage vernahm. Die Tür surrte und der Hüter trat schweigend aus dem dunklen Flur hervor. Ich schaute mich noch mal um. Das letzte, was ich sah, bevor er mir vorschriftsgemäß die Augen verband, war Epheus trauriger und zugleich hoffnungsvoller Blick.

„Wie haben Sie sich entschieden?“ fragte der Hüter auf dem Weg. Natürlich hatte er das Gespräch mit angehört. „Er ist nicht real, ich werde so oder so hier bleiben.“ Der Hüter lachte leise. „Sie überschätzen unsere Möglichkeiten.“ „Inwiefern?“ Er ging nicht weiter darauf ein. „Dr. Havering sagte Sie wären so weit. Bei Epheus sind Sie in guten Händen. Also packen Sie Ihre Sachen und verschwinden von hier.“ „Ich habe nichts. Sie haben mir am Anfang alles weggenommen“, log ich, in der Hoffnung Sheyla würde Elijahs Murmeln finden. Der Hüter lachte wieder. „Wie kommt es, dass Sie uns gleichzeitig über- und unterschätzen?“ Ich dachte darüber nach. “ Was wissen Sie?“ „Einfach alles Schätzchen. Von den blauen Murmeln unter Ihrem Kopfkissen zum Beipiel. Wir wissen von Sheyla, aber keine Sorge. Auch sie wird geheilt werden. Wir wissen außerdem alles von Elijah und Ihnen.“, er lachte dreckig. Aber ist Ihnen aufgefallen, dass Elijah Sie nie so angesehen hat, wie Sie ihn. Er hatte was mit Luciana, wussten Sie das? Oh Mann, Oh Mann, wissen Sie, meine Frau fand das noch romantischer als Romeo und Julia. Bis einer tot ist, habe ich ihr gesagt“, er zischte durch die Zähne. „Sie ist schon manchmal eine dumme Gans.“ Tränen der Wut sammelten sich in meinen Augen “ Mein Leben geht Sie gar nichts an! Sie haben keine Berechtigung das alles zu wissen und erst recht nicht es weiterzuerzählen.“ „Es ist meine Aufgabe als Hüter das zu wissen. Wir müssen Sie wieder zurück auf den richtigen Weg bringen.“ „Der richtige Weg…“, äffte ich ihn nach. „Sie schauen in meinen Kopf und geilen sich daran auf. Sie widern mich an.“, schrie ich und versuchte mich aus seinen Händen zu befreien. Ich hatte keine Chance, sein Griff war zu stark. „Sie haben keine Wahl“, zischte er in mein Ohr. „So läuft das nun mal in Prion. Ich rate Ihnen sich anzupassen. Eine Ehe einzugehen mit einem Mann aus der Elite, um ihre Gene weiterzugeben.“ „Ich werde selbst entscheiden, wie ich meine Zukunft gestalte!“, fauchte ich ihn an. „Jedenfalls werden Sie keine Beziehung mit einem Seelenwächter eingehen oder wollen Sie, dass Ihr Kind in den Armenvierteln am Stadtrand schuftet und sie geradeso Ihre Familie ernähren können.“, brüllte er wutentbrannt zurück. „Was?“ Ich hatte keine Ahnung wovon er redete. In diesem Moment lockerte sich sein Griff. Ich nahm die Gelegenheit und rammte ihm meinen Ellenbogen mit voller Wucht in die Seite. Er keuchte und lies mich los. Im selben Moment vernahm ich das Bersten von Glas. Mit zittrigen Fingern nestelte ich am Knoten der Augenbinde. Der Hüter lag in einem Scherbenfeld und stöhnte schmerzerfüllt. Ich musste etwas unternehmen. Sie würden wissen, was ich getan habe, dachte ich panisch mit Blick auf den Hüter. Ich griff zu einer Scherbe und schnitt mir kurzerhand den Unterarm auf. Es blutete stark, doch der Chip saß nicht tief. Ich zog daran. Er schien festzusitzen. Ein höllischer Schmerz durchzuckte meinen Körper. Dann dachte ich daran, was der Hüter vorhin erzählte und probierte es weiter. Der Chip löste sich. Ich zog ein silbernes kleines Blättchen hervor. Auf diesem pulsierten vier blaue Punkte in immer kürzeren Abständen. Entsetzt und angeekelt starrte ich das Ding an. Aus den blau pulsierenden Punkten traten vier, ebenfalls blau leuchtende, tentakelartige Arme aus, die sich wanden und ständig neue Impulse sendeten. „Lasst mich los, lasst mich verdammt noch mal los!“, schrie ich das Ding panisch an. Ich zog weiter und die Schmerzen wurde immer intensiver, doch ich spürte sie nicht mehr. Ich glaubte zu merken, wie sich die Tentakeln fester mit meinen Nerven verbanden. Ich bekam keine Luft mehr und die Blutlache zu meinen Füßen wurde immer größer. Schließlich sah ich nur noch schwarz. Ganz plötzlich.

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