Seelenwächter: Kapitel 12

Schweig

schweigWie aus weiter Entfernung vernahm ich das Geräusch von Absätzen. Klack, klack. Erster Schritt, zweiter Schritt. Klack, klack. Das paar Schuhe musste jetzt direkt vor mir stehen. „Was für eine Sauerei“, sagte eine männliche Stimme. Dr. Havering? „ Ich glaube sie ist so weit, aber verpassen Sie ihr vorsichtshalber eine Spritze. Ich habe keine Ahnung, ob das Miststück nur simuliert. Und sie da, gucken Sie nicht so, als hätte ich Ihnen Ihre Großmutter als Weihnachtsbraten serviert. Es ist nur ein bisschen Blut, ok? Also bringen Sie ihn auf die Krankenstation.“

Ich spürte ein Pieksen in meinem Oberarm. Es war die Spritze. Ich schlug um mich, schrie. Ich will diese verdammte Spritze nicht verstanden? Ich wehrte mich aus Leibeskräften. Doch mein Mund blieb stumm und mein Körper verharrte reglos am Boden. Zwei kräftige Arme hoben mich hoch.

Patsch. Ich durchbrach die Wasseroberfläche. Um mich herum tiefes Blau. Ich fiel im sternenlosen Universum. Schwimmen, dachte ich, ich muss schwimmen, jetz! Aber mein Körper war so unglaublich schwer. Ich schwamm, sank, schwamm, sank. Ich kämpfte, aber mir ging die Luft aus. Es war hoffnungslos und hier unten kamen mir die Sekunden vor, wie eine Ewigkeit. Ich ließ mich sinken.

„Es ist ok Malia, lass einfach los“, hörte ich meine Mutter sagen. Es war mein fünfter Geburtstag und ich stritt mich mit einer Freundin darum, wer nun das Plüschpony gewonnen hatte.

Ich schüttelte mich. Jetzt bloß nicht aufgeben. Ich schwamm und sank. Ein kleiner Lichtschein erfüllte die Finsternis um mich herum. Um mein Fußgelenk wand sich ein dickes Seil, daran musste irgendetwas hängen, was mich in die Tiefe zog. Panisch versuchte ich den Knoten mit meinen Händen zu lösen. Wasser drang in meine Lungen. Reiner Überlebensinstinkt packte mich und irgendwie gelang es mir schließlich. Mit allerletzter Kraft schwamm ich nach oben. Ich durchdrang die Wasseroberfläche und stieß mich. Benommen sank ich zurück ins Wasser. Ich musste mich an einer Stahlplatte oder ähnlichem gestoßen haben. Das dunkle Blau umfing mich wieder und ehe ich mich orientieren konnte, wurde ich von einem Strudel fortgerissen. Das Wasser wirbelte mich umher, wie einen Ping-Pong-Ball. Ich wusste weder wo unten, noch oben war. Ich stieß mit meinem Rücken gegen etwas hartes, spitzes. Vermutlich ein Stein. Ich schrie auf, doch aus meinem Mund drangen nur Luftblasen. Wasser lief in meine Lungen. Panisch versuchte ich einen Grund unter mir zu ertasten, doch schon wieder wurde ich fortgerissen. Eine Stromschnelle erfasste mich mit voller Wucht und schlug meinen Kopf gegen einen Stein. Dann war alles schwarz und still. Ich ließ mich treiben.

Durch das Wasser vernahm ich gedämpft das Klacken von Absätzen. Klack, klack. Ich stellte mir schwarz, glänzende Anzugschuhe vor, solche die mein Vater stets getragen hatte. Aus weiter Ferne drangen Wortfetzen zu mir. „Gute Arbeit….wach?“ „unmöglich….“ „wie lange…..“ „…..Meer….Spritze“ „viele?…“ „….maximal vier“ „…insgesamt sieben?“ „…Höchstmaß“

Ich spürte einen Stich und wurde augenblicklich in einem Strudel der Erinnerungen fortgerissen. Ich rauschte an meinem Vater vorbei. Er hielt ein Glas Chardonnay in der Hand. Das war an dem Tag, als ein wichtiges Essen mit den Ministern bei uns stattfand. Ich sah das besorgte Gesicht meiner Mutter, als sie mich draußen im Vorgarten fand, nachdem ich geschlafwandelt bin. Ich sah Elijahs spöttisches Lächeln. Roxy, Luciana, Charlie. Epheus hoffnungsvollen Blick und dann fiel ich. Ich schrie und schrie und schrie, doch ich war stumm. Schlagartig hörte es auf. Ein Scheinwerfer ging an. Geradewegs auf mich gerichtet. Schützend hielt ich den Arm vor meine geblendeten Augen. Plötzlich erhellten weitere Scheinwerfer den Raum. Sie waren auf Elijah, Roxy, Luciana und Charlie gerichtet. Sie lehnten bewusstlos und gefesselt an der Wand. Allesamt übel zugerichtet. Ihre Gesichter und Arme waren übersät mit Schnittwunden und Hämatomen. Doch das schlimmste war: Ihre Münder waren zugenäht und aus den Winkeln liefen dünne Rinnsale schwarzer Flüssigkeit. Blut? Aber seit wann war Blut schwarz? Entsetzt starrte ich die vier an, ohne meinen Blick abwenden zu können. Als ich mich besann und aus der Schockstarre löste, versuchte ich ihnen zur Hilfe zu eilen. Augenblicklich schnitt etwas Spitzes tief in meine Hand- und Fußgelenke ein. Ich wollte vor Schmerzen aufschreien, doch es ging nicht. Natürlich, mein Mund war ebenfalls zugenäht. Plötzlich erloschen die Scheinwerfer. Eine mechanische Stimme direkt neben mir flüsterte in mein Ohr. „Ihr werdet nie wieder reden“ Ich wimmerte. Sie wurde lauter. „Ihr werdet nie wieder reden“ Ich schrie und spürte, wie die Fäden, die meinen Mund zusammenhielten auseinanderrissen und das Blut meiner Lippen den Boden tränkte. Wieder schwarz.

Seichter Jazz drang an meine Ohren. Es klang dumpf und weit entfernt. Ein Licht ging an. Diesmal nicht so grell, wie der Scheinwerfer, eher ein sanftes Orange. Ich schaute mich um und mit jeder meiner Bewegungen folgte mir das Gesicht einer jungen, verängstigten Frau mit blassem Gesicht und tiefen Augenringen. Ihr Mund war auf groteske Weise halb zugenäht und halb aufgerissen. Blut lief ihre Lippen herunter und wurde von der Kleidung aufgesogen. Egal wohin ich schaute, überall dasselbe Bild, überall Spiegel. Ich betrachtete meine Lippen. Wer kam bloß auf solch eine abscheuliche Idee? Da! Was war das? Ich sah ein blaues Leuchten in meinem Mund. Es musste Einbildung sein. Ich rückte näher an einen Spiegel heran. Schon wieder! Ein schwacher bläulicher Lichtschein. Vorsichtig versuchte ich meinen Mund zu öffnen, ohne meine Lippen vollständig zu verletzen. Ich stöhnte auf vor Schmerz. Tentakelartige, blau leuchtende Arme schossen aus meinem Mund hervor. Erschrocken wich ich zurück.

Der Jazz wurde lauter, dröhnte bald in meinen Ohren. Der Strudel riss mich wieder fort. Fort,in die Wirklichkeit.

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