Seelenwächter: Kapitel 13

Aus Glas

Kapitel 13Mit einem erstickten Schrei schreckte ich aus meinen Träumen. Verwirrt sah ich mich um. Das hier war nicht die Psychiatrie, oder zumindest kein Raum, der mir bekannt war. Von einer stuckverzierten Decke baumelte ein Kronleuchter. Jazz und Zigarettenrauch erfüllten die Luft. Meine Sinne waren vernebelt. Ich hatte keine Erinnerungen an das, was geschehen war.

„Oh du bist aufgewacht chérie!“, flötete eine Frauenstimme mit französischem Akzent. „Amy? Sie ist wach.“ Zu meiner Linken öffnete sich eine hohe Flügeltür und aus der Rückenposition erkannte ich, wie eine junge Frau mit blond wippendem Pferdeschwanz eintrat. Anhand ihrer Kleidung identifizierte ich sie als Krankenschwester. Ihr Kittel hatte am Ausschnitt die charakteristischen rot-schwarzen Streifen für Prion. Auch an ihrem Hosensaum ließen sich diese wiederfinden. Ich versuchte mich aufzurichten und stützte mich dabei auf meinen verletzten Arm. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn. „Das sollten Sie besser bleiben lassen“, sagte die Frau mit dem blonden Pferdeschwanz und drückte mich sanft zurück ins Kissen. “ Ich bin Schwester Amy und werde mich in den nächsten Tagen um Sie kümmern.“ „Was ist passiert, wo bin ich hier?“, fragte ich mit heiserer Stimme, während Amy meinen Arm untersuchte. „Erinnern Sie sich nicht mehr?, fragte Amy. Ich schüttelte dem Kopf. „Sie hatten offensichtlich einen Streit mit einem Hüter in der Psychiatrie“, die junge Frau musterte mich besorgt, „Sie haben ihn in eine Glasscheibe geschubst und sich offensichtlich mit einer der Scherben den Unterarm aufgeschnitten und versucht den Chip zu entfernen.“ Augenblicklich schossen Bilder durch meinen Kopf. Epheus, der Hüter, wie er benommen in einem Feld voller Scherben lag. „Der Chip…ist er wieder in meinem Arm?“ „Ja, er ist untrennbar mit dem Nervensystem verbunden, wie sie wahrscheinlich bemerkt haben.“ „Was?“, fragte ich entsetzt. Ich traute meinen Ohren nicht.“Es ist vorerst zu Ihrer eigenen Sicherheit und zu derer Dritter. Sie dürfen sich schließlich frei in Prion bewegen. Manche Leute ängstigt das, vor allem angesichts dessen, was Sie dem Hüter angetan haben.“ „Sie konnten nicht hören, was er zu mir gesagt hat“, erwiderte ich aufgebracht. Amy schaute mich einen Moment nachdenklich an. „So ich werde morgen wieder vorbeikommen, wollen Sie noch ein Glas Wasser?, sagte sie schließlich ohne auf meine Aussage einzugehen. Ich nickte. Sie stellte es auf den Nachttisch neben meinem Bett und war dabei das Zimmer zu verlassen. “ Oh und Koko, machen Sie die Musik doch etwas leiser und rauchen Sie hier nicht. Die Patientin muss sich erholen.“ Mit diesen Worten machte Aby auf dem Absatz kehrt und verließ das Zimmer. „Langweilerin“, sagte Koko. „Wie geht es dir chérie?“, fragte die Stimme. Ich stützte mich auf meinen gesunden Arm und richtete mich auf, um der Stimme ein Gesicht zuzuordnen. Gegenüber meines Bettes stand die Gestalt einer attraktiven Frau. Ihre schwarze Bob-Frisur umrahmte ihr zierliches, alabasterfarbenes Gesicht. Sie schaute mich aus großen, dunkelbraunen Rehaugen an. Nur die matt rote Farbe auf ihren geschwungenen Lippen schien nicht wirklich in das kindliche, zarte Gesicht zu passen. Langsam schritt sie auf mich zu. Ihr schwarzer Satinmorgenmantel wölbte sich knapp über ihr Hinterteil. Bei jedem Schritt konnte man ihre hübsche Sanduhrfigur unter dem leicht durchscheinenden Stoff erahnen. „Salut, isch bin Koko“, sie lächelte und zeigte ihre perfekten Zähne. „Was soll das hier?…ich meine wo bin ich und was ist geschehen?“ „Oh chérie“, Koko seufzte. Sie setzte sich auf mein Bett und lehnte sich zurück.Ihr Morgenmantel entblößte ein teures Collier. „Was denkst du wohl? Wir sind im Palast des Präsidenten“. Als sie mein verdutztes Gesicht bemerkte, warf sie ihren Kopf in den Nacken und lachte ein Glockenlachen. „Du willst mich auf den Arm nehmen“, vermutete ich. „Mais non, schaue disch um!“, sie machte eine ausholende Geste. Schräg gegenüber meines Bettes stand ein Plattenspieler aus dem die Jazz-Musik dudelte. In der Nähe stand ein mit Ranken und Blüten bemalter Kamin. Sein Feuer tauchte das Zimmer in ein goldenes Licht. Mein Blick fiel auf die massiv silbernen Armleuchter. Auf ihnen thronten weinrote Kerzen deren Flammen gespenstische Schatten über die Holzvertäfelung tanzen ließen. Am imposantesten war wohl der Blick aus dem Panoramafenster. Die Lichter Prions leuchteten wie tausend Sterne. Der Präsident lebte wie ein König in einem Palast über der Stadt. Er war eine sehr seltsame Person, wie ich fand. Niemand kannte seinen Namen. Er glich eher einem Phantom und wurde von den Bewohnern Prions verehrt, wie ein Gott. Nur sehr wenige Personen hatten ihn bis jetzt zu Gesicht bekommen. Mein Vater zählte dazu, doch er berichtete nie von seinen Begegnungen. Er wirkte immer sehr erschöpft und ausgelaugt, wenn er von einem Treffen mit dem Präsidenten nach Hause kam und nahm sich ein paar Drinks mehr als sonst. Ich wand mein Blick von dem Lichtermeer ab und schaute in Kokos dunkle Augen. In ihnen spiegelten sich die Kerzenflammen. Ich atmete ihr schweres Parfum ein. Plötzlich war mir seltsam unbehaglich zumute. Als wäre ich in ein romantisches Rendez-vous geplatzt. „Keine Sorge chérie der Präsident ist nischt bescheiden. Er möschte, dass sisch seine Gäste wohl fühlen“, sagte Koko bestimmt, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Aber was soll das Ganze? Warum bin ich gerade im Palast des Präsidenten und nicht in einem Krankenhaus oder immer noch in der Psychiatrie…ich meine für das, was ich getan habe verdiene ich wohl nicht gerade einen Orden“ „Das war nischt die Entscheidung des Präsidenten.“ Ich schaute sie verständnislos an. „Dein Freund Epheus wollte disch aus der Psychiatrie ‚olen. Du hast Glück, dass er eine sehr einflussreische Familie hat. Aber der Präsident war ärgerlisch, weil du den ‚üter verletzt ‚ast.“ „Moment woher weißt du das alles?“, fragte ich aufgebracht. Koko legte ihren Kopf schief und schaute mich entnervt an. „Lässt du misch vielleicht ausreden chérie?“ Ich schwieg. „Schön. Der Präsident machte eine öffentlisches Abstimmung. Schließlisch dienen die Hüter zum Schutz der öffentlichen Sischerheit und er wollte nischt, dass die Menschen Angst haben sobald du frei bist.“ „Wie fiel die Abstimmung aus?“, fragte ich leise. „Für disch natürlisch. Es war knapp. Die Leute hatten wohl Mitleid mit dir.“ Tatsächlich?“, flüsterte ich. Na ja, mansche sagen Epheus Familie ‚at beeinflusst. Aber wischtig ist, dass du da raus bist. Wie, interessiert morgen sowieso keinen mehr“, sagte Koko mit einem kecken Augenzwinkern. Mir war mulmig zu Mute. Kannte wirklich jeder Bewohner von Prion meine Geschichte? „Was genau wurde der Bevölkerung erzählt über mich?“, fragte ich mit gesenktem Blick. „Das tut doch jetzt wirklich nischts zur Sache chérie“, sagte Koko mit gerunzelter Stirn. „ Das tut es sehr wohl. Es geht hier schließlich“ In diesem Moment wurden die Flügeltüren schwungvoll aufgestoßen. Epheus kam auf mich zugestürmt und blieb abrupt vor meinem Bett stehen. „Zum Glück, dir geht es gut“, bemerkte er unglaublich erleichtert. „Epheus“, keuchte ich überrascht.

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