Die absurde Welt des Raffael

Begegnungen

Dr. Schwarz ging mit einem mulmigen Gefühl in den Umkleideraum des Krankenhauses. Was wollte Frau Winter bloß von ihm? Eilig zog er die Jeans und das Karohemd an. Er liebte den unauffälligen Look. Zuletzt warf er einen Blick in den Spiegel und strich sich durch die rot-blonden Haare. Ein hoffnungsloser Fall, wie er registrierte. Dr. Schwarz passierte die Tür des Krankenhauses und trat einem freundlichen Herbsttag entgegen.

Nur 15 Minuten später stand er zweifelnd vor Raffaels Wohnung. Sollte er tatsächlich klingeln? Da öffnete sich die Wohnungstür. „Oh Dr. Schwarz, wie schön, dass Sie bereits hierher gefunden haben. Ich wollte Sie gerade von der Haltestelle abholen. Bitte kommen Sie doch rein“, Frau Winter öffnete die Tür und machte eine ausholende Geste. Dr. Schwarz trat mit Händen in den Taschen ein und schaute sich um. Die Wohnung war ein Loft mit hohen Decken. Offensichtlich ein altes Fabrikgebäude. Die Inneneinrichtung verstrahlte eine kühle Eleganz und der Blick aus dem Fenster zeugte von Überheblichkeit und Größenwahn des Eigentümers, fand Dr. Schwarz. „Also“, sagte Frau Winter gedehnt „haben Sie sich entschieden? Kaffee oder Espresso?“ „Nichts, danke“, erwiderte Dr Schwarz kurz angebunden. „Schön, dann eben nur für mich. Nehmen sie doch schon mal Platz“, Raffaels Mutter wies auf den schwarz glänzenden Esstisch. Dr. Schwarz ließ sich auf einem der Glasstühle nieder. Von hier aus hatte man einen perfekte Aussicht auf die Stadt. Er rutschte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her. Haltlos huschten seine Augen in der Wohnung umher und blieben schließlich an der gedrungenen Gestalt von Raffaels Mutter hängen, die sich in ein unvorteilhaft blau schillerndes Kleid gepresst hatte. In diesem Moment drehte sie sich um, bemerkte den Blick von Dr. Schwarz und lächelte. Irgendetwas an ihrem Lächeln gefiel ihm nicht, ohne, dass er ausmachen konnte, was es war. „Sie sind sicher neugierig“, bemerkte Frau Winter. „Durchaus“, sagte Dr. Schwarz gepresst. Sie ließ sich auf einem Stuhl nieder und schlug die üppigen Beine übereinander. „Wie Sie mir bereits mitgeteilt haben, haben Sie das Geld erhalten“. Dr. Schwarz nickte mit gerunzelter Stirn. „Nun, falls Sie regelmäßig Zeitung lesen, wissen Sie, dass Raffael mit Anouk Cavanaugh liiert war. Ihre Familie war sehr einflussreich, bevor ihre Eltern einen tragischen Unfall hatten.“ Dr. Schwarz nickte wieder, ohne zu wissen, worauf Raffaels Mutter hinauswollte. „Sie sagten mir am Telefon, dass Raffael dachte er sei 21, da er ein Teil seines Gedächtnisses verloren hat“, Frau Winter bedachte Dr. Schwarz nun mit einem durchdringenden Blick, „ich will, dass Sie Raffael unter keinen Umständen von Anouk erzählen“, sagte sie entschlossen. „Deshalb das viele Geld? Ich fasse es nicht!“ „Sie verstehen das nicht“, sagte Frau Winter nun. „Anouk war dafür verantwortlich, dass Raffael und ich uns immer mehr voneinander entfernten“, ihre Stimme zitterte, „Haben Sie gesehen, wie er mich angeschaut hat, nachdem er im Krankenhaus aufgewacht ist? Es war so wie früher“, sagte sie leise und Dr. Schwarz bemerkte Tränen in ihren Augen. “ Was hat sie denn getan?“, fragte er. „Anouk war durchtrieben. Sie hat Raffael gegen mich aufgehetzt. Ihn um den Finger gewickelt, indem sie ihm bei der Firmengründung geholfen hat und dann wollte sie ihn verraten“, bemerkte Frau Winter trocken. Dr. Schwarz schaute sie verständnislos an. „Sie unterstellte ihm Steuern zu hinterziehen, krumme Geschäfte und dass er wieder angefangen hätte zu spielen“, Raffaels Mutter schaute betreten auf ihre Hände. „Aber das kam doch nie an die Öffentlichkeit“, bemerkte Dr. Schwarz immer noch verwirrt. „Ja, sie verletzte Raffael und kam dafür in eine Psychatrie“ Dr. Schwarz stand abrupt auf und schob den Stuhl dabei geräuschvoll zurück. „Ich weiß nicht, was ihre Familie und die Cavanaughs verband oder trennte, aber ich will da ganz bestimmt nicht mit reingezogen werden und es ist eine Frechheit, dass Sie mir Geld bieten, um die Wahrheit zurückzuhalten“, mit diesen Worten ging er mit großen Schritten auf die Wohnungstür zu. „Sie brauchen das Geld“, bemerkte sie mit eisiger Stimme. „Ach ja? Wie kommen Sie darauf? Ich bin Arzt“ Sie lachte freudlos. „Ihre Schwester ist Crystal Meth abhängig und zudem hoch verschuldet. Sie beiden wurden mit vier Jahren voneinander getrennt. Ihre Schwester ist im Heim aufgewachsen und Sie bei einer Pflegefamilie“, Raffaels Mutter musterte ihn eindringlich. Dr. Schwarz war stehengeblieben und schaute zu Boden. „Sie helfen Ihrer Schwester. Außerdem ist da noch Ihre Lebensgefährtin, die an Krebs erkrankt ist. Sie investieren alles, damit ihr geholfen wird, stimmt’s? Sonst würden Sie wahrscheinlich in einem größeren Apartment wohnen.“ „Woher wissen Sie das alles?“, fragte Dr. Schwarz tonlos. „Ich habe meine Hausaufgaben gemacht Dr. Schwarz. Sie können mir nicht erzählen, dass sie das Geld nicht benötigen“, bemerkte sie mit zufriedenem Tonfall. “ Wenn sie denken, dass ich mich auf ihre schmutzigen Geschäfte einlasse, haben Sie sich geschnitten!“, sagte Dr. Schwarz entschlossen. „Sie haben bis morgen Zeit sich zu entscheiden“, erwiderte Frau Winter, ohne auf die Aussage von Dr. Schwarz einzugehen. „Ich habe mich bereits entschieden!“, mit diesen Worten schnappte sich der Arzt seinen Mantel von der Garderobe und ließ die Wohungstür hinter sich krachend ins Schloss fallen. Anstatt auf den Fahrstuhl zu warten, stürmte er die Treppen hinunter. Nur weg von Raffaels Mutter, die sich in diesem Moment summend ein Glas Wein einschenkte. Sie wählte eine Nummer auf ihrem Handy. „Sie wissen, was zu tun ist“, sagte sie zu dem Unbekannten am anderen Ende. Währenddessen fiel Dr. Schwarz förmlich aus der Haustür des Penthouses und stieß mit einer jungen Frau zusammen, die sich daraufhin den Kaffee to go über ihr Kostüm schüttete. „Putain de merde! abruti!“, schimpfte sie. „Passen Sie doch auf!“, beschwerte sie sich mit französischem Akzent. „Oh, das tut mir wirklich wahnsinnig Leid! Ehrlich, falls ich für die Kosten in der Wäscherei aufkommen soll..“ Die junge Frau winkte ab. „Eigentlich wollte ich sowieso nicht zu dem blöden Vorstellungsgespräch gehen“, gab sie nun deutlich gelassener mit einem kecken Augenzwinkern zu. „Aber einen Kaffee sind Sie mir schuldig!“ Ihre caramellfarbenen Augen strahlten. „Okay“, sagte Dr. Schwarz verdutzt. „Ich bin Louise“ „Ich heiße Jacob, Jacob Schwarz“, sagte er etwas unbeholfen. Sie kramte in ihrer Handtasche und hielt ihm schließlich eine Visitenkarte vor die Nase.

Familie Laurent

Künstler- und Antiquaritätenhof

Alleenplatz 4

„Holen Sie mich morgen Nachmittag ab. So um vier“, mit diesen Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und ging davon. Jacob sah der wippenden Lockenpracht hinterher, bis sie hinter der nächsten Häuserecke verschwand.

 

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