Seelenwächter: Kapitel 14

Entscheidungen

Entscheidung

Koko sprang vom Bett auf. „Mon Dieu! Früher ‚aben die Herren noch angeklopft, um mit den Damen zu reden“, bemerkte sie aufgebracht. „Für Förmlichkeiten ist jetzt leider wirklich keine Zeit.“ „Was immer du auch vorhast, Malia braucht Zeit um gesund zu werden.“ Ich saß auf dem Bettrand und beobachtete fasziniert, wie die entschlossenen Blicke zwischen Epheus und Koko hin- und herflogen. Bevor ich mich versah packte mich Epheus am Oberarm. „Bitte es ist dringend.“ „Ich bin auch froh dich zu sehen, schön, dass du mich aus der Irrenanstalt geholt hast, aber das gibt dir noch lange nicht das Recht mich zu behandeln, als wäre ich dein Eigentum.“ Ich entriss mich aus seinem Griff und zupfte an meinem Morgenmantel, der mir von der Schulter gerutscht war. Obwohl ich Koko den Rücken zukehrte war ihr triumphierendes Grinsen förmlich greifbar. „Vor dem Palast hat sich eine wütende Meute versammelt. Sie wollen dich sehen. Dich zur Rede stellen“, er schwieg einige Sekunden, „Wir wissen nicht wozu die Menschen da draußen bereit sind. Im Hinterhof steht ein Fluchtwagen, um dich zum Anwesen meiner Eltern zu bringen. Allerdings wird es nicht lange dauern, bis sie dahinter kommen und dann werden sie die Einfahrt blockieren. „Das glaube isch einfach nischt. Ich werde mir das selbst anschauen“, sagte Koko und stürmte aus dem Raum. Epheus sah ihr mit hochgezogenen Augenbrauen hinterher. „Ich schätze sie hat etwas gegen Männer“, antwortete ich auf seine unausgesprochene Frage schulterzuckend. „Wir haben nicht ewig Zeit“, erwiderte er und schloss den Knopf am Ärmel seines Jacketts. „Ich vertraue ihr.“ Ein zweifelnder Ausdruck huschte über Epheus Gesicht. „Was wollen diese Leute eigentlich von mir?“ Er ging auf das Bücherregal zu, welches sich über die gesamte Wand erstreckte. Die Hände in den Taschen seines Anzugs betrachtete er die Buchrücken eingehend. „Sie wollen Antworten.“ „Worauf?“ „Darauf warum du draußen bist und ihre Freunde und Verwandten nicht, vermutlich.“ „Warum, ich meine sie wissen sicherlich, dass ich nicht ausgebrochen bin und ebenso wenig Einfluss auf meine Entlassung hatte“, sagte ich aufgebracht. „Weißt du wie viele von ihnen Woche für Woche und Monat für Monat vor den Toren der Psychatrie stehen, um ihre Liebsten zumindest besuchen zu dürfen?“ Einige werden seit Jahren abgewimmelt. Man munkelt, dass sie in der Psychatrie Medikamente austesten und Menschen dahinraffen.“ Er schaute mich eindringlich an. Ich wich seinem Blick aus. „Sie wollen wissen, ob das stimmt, ob du etwas gesehen hast. Einige sind wütend, weil die Tochter von Staatsfeinden nach ein paar Monaten die Psychatrie verlassen konnte, während sie selbst oder Angehörige oft Jahre dort verbrachten.“ „Aber dafür kann ich doch nichts“, mir wurde ganz schwindelig, wenn ich an die Menschen dachte, die sich nun vor den Toren des Palastes tummelten. „Natürlich kannst du nichts dafür, aber die Menschen projizieren ihren Frust gern auf andere, um Fehler nicht bei sich selbst suchen zu müssen. Das Prinzip vom Sündenbock dürfte dir bekannt sein.“ Ich nickte vage. Koko kam atemlos hereingestürmt. Ihr alabasterfarbenes Gesicht hatte unter den nunmehr rosa Wangen einen besorgten Ausruck. „Du ‚attest Rescht Epheus. Excuse-moi, aber sie ‚aben jeglische Ein- und Ausfahrten blockiert“, keuchte sie. Epheus rieb sich angestrengt die Stirn. „Der Präsident ‚at veranlasst den Palast zu schließen“, sagte Koko. Mir wurde übel. Koko setzte sich zu mir auf die Bettkante und legte einen Arm um mich. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Höhere Sischerheitsmaßnahmen als in diesem Palast gibt es nischt.“ „Ganz toll, von der Irren zur verhassten Mitbürgerin, so könnte glatt der Titel meiner Biographie lauten.“ „Willkommen in der Welt der Prominenz chérie, das ist schneller Schnee von gestern, als du mit den Augen blinzeln kannst.“ „Ich will eure Unterhaltung ja nur ungern unterbrechen, aber Koko es muss doch noch irgendeine letzte Fluchtmöglichkeit bestehen“, sagte Epheus nachdenklich. „Oui, in der Luft, aber wie isch schon sagte, der Palast ist sischer“ „Ich will, dass Malia ein normales Leben führen kann und das ist im Palast schlicht und ergreifend nicht möglich.“, sagte Epheus bestimmt. „Es ist zu gefährlisch für Malia jetzt zu gehen“, sagte Koko aufgebracht. „Die Person, um die es hier geht ist zufällig gerade anwesend“, sagte ich ungehalten. „Wir fliegen“, beschloss ich. „Schön ich sage dem Personal Bescheid, in einer Stunde an dem Start- und Landeplatz“, mit diesen Worten verließ Epheus das Zimmer. „Du solltest dir unbedingt etwas ordentlisches anziehen chérie“, bemerkte Koko mit Blick auf meinen Morgenmantel, „komm mit“. Ich folgte ihr in einen begehbaren Kleiderschrank. „Jeans und T-Shirt bitte“, sagte ich. Koko drehte sich verwundert zu mir um und prustete los, als sie an meinem Gesichtsausdrucks sah, dass ich es Ernst meinte. „Chérie wir sind ‚ier im Palast und nischt auf dem Land.“ Sie legte ihren Zeigefinger auf ein Erkennungsfeld unter einem leisen Surren ging die Deckenbeleuchtung an. In der Mitte des Ankleidezimmers, dessen Ausmaße sich ungefähr mit denen des Wohnzimmers meiner Eltern deckten, baumelte ein Kronleuchter aus Glas. Ich erachtete so viel unnötigen Prunk als abstoßend und erinnerte mich an das verlassene Haus der Rebellen. Elijah würde diesen Ort hier verteufeln. Während ich mich gleichermaßen fasziniert und angewidert umschaute, musterte mich Koko eingehend und fuchtelte dabei mit den Händen vor einem virtuellen Bildschirm und verschob Bilder von Kleidungsstücken. „Ja, isch ‚abe es“, sagte sie schließlich fröhlich. Eines der zahlreichen Gestänge löste sich aus der Masse und präsentierte ein rotes Kleid mit Rüschenärmeln. „Auf keinen Fall“, erklärte ich bestimmt. „Dann eben für misch“ Ich setzte mich auf eine Chaiselongue. Je mehr ich darüber nachdachte, desto abwegiger erschien es mir, mich wie ein Feigling in einen Privatjet zu setzen und davon zu fliegen. “ ‚ier“, sagte Koko und riss mich aus meinen Gedanken. Sie hielt mir ein schwarzes, langes Kleid unter die Nase. Es war hoch geschlossen, feinere und gröbere Ketten zierten Ausschnitt und Schultern. „Das einfachste, was isch ‚abe“, fügte Koko hinzu, bevor ich etwas erwidern konnte. „Koko“, begann ich, „ich weiß das klingt jetzt verrückt, aber ich will mit den Leuten da draußen reden, es zumindest versuchen. Wenn ich jetzt flüchte, werden sie mich nie akzeptieren und ich werde überall Anfeindungen ausgesetzt sein.“ Koko nickte nachdenklich. „Isch weiß, chérie. Als Geliebte des Präsidenten, werde isch oft auf mein Äußeres reduziert. Man muss sisch behaupten in dieser Stadt und Frau auch“, sie zwinkerte mir zu. „Es ist gefährlisch, aber isch werde dir helfen.“