Seelenwächter: Kapitel 15

Auf Messers Schneide

Zuvor

auf MÜber Prion und die umliegenden Wälder senkte sich die Dunkelheit an jenem Sommerabend gleich einer Dunstglocke. Drückend und voll betörender Düfte. Während sich in der Stadt kalte Augen auf die Häupter der Nachtwandler senkten und jede Ecke Ohren hatte, verschluckte der Wald die Schwärze und wurde so eins mit ihr. Der Hauch eines Flügelschlags über den Baumkronen, das Knarzen der Bäume im Wind, das leise Zirpsen der Grillen an jenem Sommerabend. Hier und da rieselte das Mondlicht auf den moosbedeckten Waldboden. Alles im Schutze der Blätter und Nadeln, die wie eine Festung, das am Boden befindliche zu verhüllen schien. So bewahrte sie auch die Ankömmlinge. Fahrzeugtüren öffneten sich. Obskure Gestalten boten ihrer Begleitung die Hand zum Aussteigen an. Ein Meer aus Raben, gefallenen Engeln, blutdurstigen Huren, Untoten, Gefangenen und ihren Gebietern formierte sich. Düster wogte die Masse aus dunklem Tüll, Masken und Leder den Waldweg entlang. Sie unterhielten sich im Flüsterton, lachten und feixten nervös. Einige warfen verstohlene Blicke über die Schulter oder zu den Seiten. Mit Herzklopfen traten sie auf die mondbeschienene Lichtung. Hier war sie also, die Ruine der Villa De Lacy . Bröckelnde Säulen und Mauerreste wurden in ein gespenstisches Licht getaucht.Es war schaurig, angesichts der Geschichte hinter diesem Ort. Ein sehr reiches, lesbisches Paar wohnte einst hier. Man erzählte ihre Feste seien exzentrisch gewesen. Unmengen an Alkohol, Drogen und verbotener Musik. Die beiden waren überzeugt von einer besseren Welt, als die jenseits des Waldes. Bald schon entwickelte sich ihre Villa als Treffpunkt für Freigeister und vor allem jene, die sich den Augen und der Strafe Prions entziehen wollten, um ihre sexuellen Vorlieben ungeachtet ihres Stands oder Geschlechts auszuüben. Natürlich sickerten Informationen zum Präsidenten durch. Sofort befehligte er deren Ermordung. Das Paar und ihre Freunde wurden an einem Dezemberabend erschossen und ihre Leichen im Wald, etwas abseits der Lichtung den Tieren zum Fraß überlassen. Es muss ein furchtbarer Anblick gewesen sein – die Blutspuren im frisch gefallenen Schnee. Kurze Zeit später ergriffen die Hüter einen Verdächtigen, einen Feind des Präsidenten. Dieser fand als offizieller Mörder der Villabewohner unschuldig den Tod.

Das Gebäude wurde indes ausgeräumt, saniert und an den Stellvertreter des Präsidenten vergeben. Seine schwer kranke Frau verstarb wenige Wochen nach dem Umzug und der Stellvertreter blieb kinderlos und voller Schuldgefühle zurück, denn als Vertrauter des Präsidenten kannte er die Wahrheit. Einige Monate später ging die Villa in Flammen auf. Offiziell ein Unfall, doch unter vorgehaltener Hand erzählte man sich, dass der Stellvertreter wahnsinnig geworden sei und selbst das Feuer gelegt habe.

Seither nagten Wind und Wetter unerbittlich an den Mauern, um deren Reste sich nun die düsteren Gestalten reihten. Sie alle waren Bewunderer der De Lacy’s, Idealisten, Gläubige, Homosexuelle, Liebende aus unterschiedlichen Schichten, Freigeister. Sie hatten den gefährlichen Weg vorbei an den Wachtposten der Hüter auf sich genommen, um für eine Nacht frei zu sein, obgleich sie nicht sicher wussten, dass die Villa existierte und dies keine Falle der Regierung war.

Als die letzten Gäste eintrafen schälte sich ein als Zentaur verkleideter Mann aus den Schatten der Bäume und blies in ein Horn. Ein spürbar erleichtertes Aufatmen und fröhliches Gelächter ging durch die Menge. „Bitte reiht euch nun alle hinter mich ein“, sagte der Zentaur, „wenn ihr mir in den unterirdischen Gewölbekeller folgen würdet, dort werden auch eure Eintrittskarte und Identität geprüft. Bitte habt Verständnis, es geht schließlich um unser aller Sicherheit.“ Murmelnd bildete die Masse eine Reihe und folgte dem Zentaur in die unterirdischen Gewölbe.

Etwas abseits stand eine Dame mit gelocktem Haar das mit der Dunkelheit zu verschmelzen schien. Ihre gletscherblauen Augen huschten nervös umher. Eine Maske aus schwarzer Spitze zierte ihr schmales Gesicht und der dunkle, grün-blaue Samt des Kleides umschmeichelte ihre alabasterfarbene Haut wie Wasser und Seetang. In ihrer Gestalt schien sie als Ophelia aus Shakespeares Hamlet entsprungen zu sein. Sie entfaltete immer wieder den mittlerweile abgegriffenen Zettel. Wir sehen uns dort, Mo. Seiner Nachricht lag eine Eintrittskarte und dieses Kleid bei. Sie war noch nie zu solch einer Veranstaltung gegangen und das Herz schlug ihr bis zum Hals, konnte sie Mo doch nirgends finden. Schließlich reihte sich die Dame zu den anderen Gestalten und bald verschwand sie mit den übrigen Verkleideten im Schutz des unterirdischen Gewölbes. Sie bemerkten nicht, wie Schatten hinter den Bäumen umherhuschten. Dunkle Kapuzen tief in die Stirn gezogen, sodass niemand ihre Gesichter sehen konnte.

Die Dame kam den hypnotisierenden Bässen mit jeder Steinstufe näher, doch sie empfand keine Euphorie, wie die laut lachenden und wild umherspringenden Gestalten um sie herum. Nervös nestelte sie die Eintrittskarte hervor. Ein hühnenhafter Mann mit Widderhörnern winkte sie ungeduldig heran. Sie reichte ihm die Eintrittskarte. „Das ist Malia Greystone, die Tochter des Sicherheitsministers von Prion“, rief eine Frau in Mittelalterkluft augferegt, noch bevor der Scan erfolgen konnte. Der Mann mit den Hörnern sog scharf die Luft durch die Zähne. „Malia Greystone“, wiederholte er mit Blick auf die Dame. Die Wesen hinter ihr begannen aufgeregt zu tuscheln. „Schmeißt sie raus, worauf wartet ihr? Sie ist die Tochter des verdammten Sicherheitsministers!“, forderte jemand. Der Mann mit den Hörnern blickte Malia mit einer Mischung aus Ratlosigkeit, Abscheu und Furcht an. Dann wendete er sich kurz ab, um sich mit einem anderen zu beraten. Im Hintergrund konnte Malia zuckende Leiber im Neonlicht erkennen. Der Barkeeper mit venezianischer Rabenmaske überreichte einen grün brodelnden Cocktail an die Frau mit Perücke und weinrotem Barockkleid. Sie verschwand mit ihrem Liebhaber hinter einem Vorhang.

Unvermittelt ergriff jemand Malias Arm. „Lassen Sie mich sofort los“, forderte sie den Mann im Gehrock auf, der seinen Zylinder so aufgesetzt hatte, dass man das Gesicht nicht erkennen konnte. Der Mann mit den Hörnern wandte sich um. „Ich werde sie von hier fortbringen und dafür sorgen, dass sie nichts sagt“, bemerkte der Herr im Gehrock. Der Mann mit den Hörnern nickte langsam und ernst blickend. Malia lief ein kalter Schauer über den Rücken. Wo war bloß Mo? Malia und der Herr wanden sich zum Gehen, da wurden sie aufgehalten. Der Mann mit den Hörnern packte Malias unfreiwilligen Begleiter am Kragen. „Falls du ihr irgendetwas antun solltest, wird unsere Sache hier auffliegen und wenn du nicht von der Regierung hingerichtet wirst, werde ich das tun und denke immer daran, bei mir wird es schlimmer“, zischte er. „Ja das werde ich“, brachte der Herr gepresst hervor. Der Mann mit den Hörnern musterte sie misstrauisch, „na los verschwindet schon“, sagte er ungeduldig. Daraufhin zerrte der Mann im Gehrock Malia ungeduldig die Steinstufen hinauf. Ihr Herz galoppierte in ihrer Brust. Trotz dieser vielen Menschen war sie einsam, einsam diesem Unbekannten ausgeliefert. Was bedeutete schon ein Versprechen in dieser Welt? Der Herr zerrte sie über die mondbeschienene Lichtung hinein in den dichten Wald. Worauf hatte sie sich nur eingelassen? „Bitte tun Sie mir nichts, hören Sie? Der Typ vom Einlass hat Recht. In Prion kommt alles ans Licht, selbst wenn es sich hier draußen im Wald abspielt.“ Der Mann schwieg. „Hören Sie, wenn Sie mich gehen lassen, werde ich Niemandem etwas sagen. Es war sowieso eine dumme Idee hierher zu kommen.“ Sie beobachtete das gesenkte Haupt des Herrn. Es schien ihr als würde er grinsen, tatsächlich er grinste. Dieser Widerling, dachte Malia voller Abscheu und versuchte sich loszureißen, daraufhin drehte er ihren Arm auf den Rücken und drängte sie vorwärts. Schließlich erreichten sie das Feld auf dem die Fahrzeuge standen. Die dunklen Lacke glänzten im Mondlicht. Der Herr entriegelte seines mittels Fingerabdruck. Sofort erschienen die virtuellen Bildschirme, als er eine Tür öffnete. „Guten Tag Mr. Edwards, wo soll es hingehen?“, fragte eine mechanische Stimme. „Mr. Edwards?“, wiederholte Malia ungläubig. Er beförderte eine Weinflasche vom Hintersitz zutage. „Korrekt“, bemerkte er, zog seinen Zylinder und nahm Malias Hand, um einen Kuss darauf zu hauchen. Schroff entzog sie sich ihm und wendete sich ab. „Mo du hast ja keine Ahnung, welche Angst ich eben hatte und wie es scheint hast du das auch noch genossen“, aus ihrem Blick sprach das Unverständnis, „es sollte ein schöner Abend werden und du machst durch diese blöde Aktion alles kaputt für nichts und wieder nichts. Ich will, dass du mich umgehend nach Hause fährst.“ „Bitte Malia, ich wollte doch auch, dass wir einen schönen Abend haben, aber lass es mich erklären.“ „Also gut“, sagte sie trotzig nach einer kurzen Weile des Schweigens. „Du weißt ich wollte dich hier treffen, um den Kameras deines Vaters zu entgehen.“ „Er würde unsere Verbindung niemals gut heißen“, bemerkte sie nachdenklich. Mo nickte. „Außerdem war ich schon mal auf diesem Fest. Es ist in vielerlei Hinsicht…berauschend“, sagte er lächelnd, „und ich hätte wirklich nicht erwartet, dass sie so erschüttert reagieren, nur weil du eine Greystone bist, wofür du ja nun wirklich nichts kannst.“ „Aber du hast doch so getan, als ob du mich loswerden willst“, bemerkte Malia misstrauisch. „Ja, weil ich erkannt habe, dass sie nicht so tolerant sind, wie sie vorgeben und ich habe erkannt, dass sie unsere Verbindung, die politisch gesehen eine Schwachstelle darstellt ausnutzen könnten, um deinen Vater und damit auch den Präsidenten zu schwächen.“ „Aber wäre nicht genau das in deinem Interesse, wo du den Präsidenten so sehr hasst?“ „Natürlich, aber nicht wenn es bedeutet, dass er deine Familie und dich mit in den Abgrund reißen würde. Um ehrlich zu sein, mir liegt nichts an deinem Vater. Ich hasse es, wie er dich mit seinen Kameras überwachen lässt. Seine Fürsorge ist krankhaft, aber ich weiß auch, dass du ihn trotzdem liebst und es dir oder mir nie verzeihen würdest, stieße ihm etwas zu“, sagte er lächelnd. „Es ist schon verrückt oder? Dass die Politik uns bis in den entlegenen Wald zu einem exzentrischen Fest verfolgt“, bemerkte Malia. „Wohl kaum. Alkohol und Partys sind zwei nicht zu verachtende Faktoren, um eine Allianz zu schmieden, egal ob auf der Seite des Präsidenten oder hier.“ „Soll das heißen, in diesem Kellergewölbe werden heute Nacht unter anderem Verbündete für einen Aufstand gesucht?“, fragte Malia beunruhigt. „Ja, wahrscheinlich, aber sei unbesorgt, sie haben das schon oft versucht und waren nicht erfolgreich. Die Menschen haben zu unterschiedliche Ansichten was sich ändern soll und jeder will lautstark seine Forderungen durchsetzen. So lässt sich keine Revolution führen.“ „Aber sie wollen sich alle dem Präsidenten entledigen“, erwiderte Malia skeptisch. „Nicht unbedingt, manche wollen einfach nur, dass der Präsident die Zügel nachgibt. Arme wollen die Möglichkeit haben in die Mittelschicht aufzusteigen, Homosexuelle wollen ihre Zuneigung öffentlich zeigen dürfen. Denn viele Stimmen sind der Meinung, dass ein Machtwechsel, innerhalb der führenden Politiker – und sei es auch durch Wahlen – rein gar nichts bringen würde“,er ergriff Malias Hände, „aber was reden wir über Politik, sind wir nicht hier, um einen schönen Abend zu verbringen. Nur wir beide?“, er grinste. Malia überkam ein wohliger Schauer. Sie trat einen Schritt vor, sodass sie ihm näher war. „Du wolltest mir etwas zeigen“, säuselte sie. Er lachte leise, „zuerst musst du den Wein probieren“. Er entkorkte die Flasche und reichte sie ihr. „Ein feiner Herr im Gehrock und Zylinder und eine Dame im Ballkleid trinken Wein aus der Flasche, wie dekadent“, bemerkte sie mit ironischem Unterton. „Warum nicht? Ich könnte dein Kleid allerdings auch mit Wein besudeln, dann müsstest du es früher ausziehen und unsereins kann sich sowieso Unmengen dieser Kleider und dieses Weines leisten. Vielleicht sollte ich das nächste Mal Champagner mitbringen?“, schlug er augenzwinkernd vor. Sie runzelte die Stirn, „das ist nicht richtig“. „Ach Malia trink ein bisschen Wein und mach dich locker“, sagte er sanft und hielt ihr die Flasche hin. „Aber man sollte…“, weiter kam sie nicht, denn er verschloss ihren Mund mit einem langen, intensiven Zungenkuss. In dem Moment, als sich ihre Lippen berührten, vergaß sie alles um sich herum. „Du bist viel zu gut für diese Welt, weißt du das?“, sagte Mo, als er sich schwer atmend von ihr löste. Sie lächelte. „Na gib sie schon her“, sagte Malia mit Blick auf die Flasche. Er hatte Recht sie war nervös und angespannt in Mos Gegenwart. Seine nachthimmelblauen Augen fixierten ihren Blick. Es schien als könne er in ihren Augen lesen. Sie hob die Flasche an die Lippen und der blutrote Wein rann ihre Kehle hinunter.
„Wollen wir einen kleinen Spaziergang machen?“, fragte Mo mit verschwörerischem Unterton in der Stimme. Malia nickte. „Weißt du“, begann sie nach einer Weile, „es kommt mir vor, als wäre das hier“, sie machte eine ausholende Geste, „nicht real“. Er lächelte. „Ich meine wir haben uns über ein Jahr nicht gesehen, seitdem du studierst und ich dachte wirklich…“, sie stockte. „Was dachtest du?“, hakte Mo nach. „Ich dachte mein Vater oder vielmehr sein Drang mich zu kontrollieren hat dich vertrieben. Deshalb wusste ich auch nicht, ob diese Einladung wirklich echt war. Die Tochter des Sicherheitsministers ist vor politischem Mord nicht gefeit“, bemerkte Malia spöttisch und nahm einen kräftigen Schluck aus der Weinflasche. „Anfangs hat er mir wirklich Angst gemacht“, erinnerte er sich lachend. „Aber dieses Jahr hat mich verändert. Ich weiß jetzt was ich will“. Mo musterte sie eingehend, woraufhin sie den Blick verlegen abwendete. „Was die Einladung betrifft, trotz dessen, dass dich dein Vater ständig warnt vorsichtig zu sein und das obwohl er über alle Überwachungsgeräte und Hüter der Stadt verfügt, bist du jetzt hier. Du gehst immer noch auf Risiko, das gefällt mir“. „Ich bin keine hübsche Statue, die sich mein Vater in den Vorgarten stellen kann.“ „Aber im Vorgarten wäre solch eine attraktive Statue den Gaffern ausgesetzt, ob das dein Vater wollen würde?“, fragte er augenzwinkernd. „Hast du mit solchen Sprüchen auch die Mädels an der Uni ins Bett bekommen?“ Für einen Moment schaute er sie irritiert an, bevor ihm ein Licht aufging. „Ohhh verstehe, du hast dir mein Profil angesehen“, bemerkte er verärgert. „Als ob du das nicht auch tun würdest!“ „Hast du dir vielleicht auch Videos der Überwachungskameras in den Clubs angesehen? Geschaut mit wem ich tanze und in deren Profilen dann ebenfalls geschnüffelt?“ „Diese Profile sind öffentlich und ich würde nie an die Videos für die Überwachungskameras kommen.“ „Vielleicht bist du jetzt so etwas wie Daddy’s neue Assistentin?“ „Was redest du da?“ Seine Anschuldigung versetzte ihr einen Stich ins Herz. „Ich bin hergekommen, um dich zu treffen, obwohl wir uns seit über einem Jahr weder gesehen, noch gesprochen haben. Ich hätte die Möglichkeit dich und die kleine Partygesellschaft auffliegen zu lassen. Statt mir hätte heute eine Gruppe Hüter vor dir stehen können und du wagst es ernsthaft an meiner Aufrichtigkeit zu zweifeln?“ Sie wand sich von ihm ab, als ihr die Tränen in die Augen traten. „Es tut mir Leid. Ich habe nur im letzten Jahr eine Menge durchgemacht.“ „Ach und das ist jetzt deine Entschuldigung für alles ja?“, fragte sie mit eisiger Stimme als sie sich wieder gefangen hatte. „Probleme rechtfertigen also eine Arschlochaufführung, wie du sie gerade abgeliefert hast?“ Sie funkelte ihn an. Er lächelte. „Weißt du, was mich an dir am meisten fasziniert Malia Greystone? Wenn man dich verletzt schließt du dich nicht in dein Zimmer ein, chattest mit deinen Freundinnen und heulst den ganzen Tag, sondern verteidigst dich. Ich liebe dieses Feuer in dir. Habe ich damals schon.“ Er strich ihr eine Strähne hinter das Ohr. Malia schlug seine Hand weg. „Lass das“, sagte sie frostig. „Ich glaube es wäre das Beste, wenn du mich nach Hause fährst und wir unsere Leben weiterleben, als hätten wir uns nie gekannt.“ Er beugte sich soweit zu Malia herunter, dass ihre Lippen sich beinah berührten. „Sag mir ganz ehrlich. Ist das wirklich eine Option für dich Malia?“ Sein Atem berührte ihr Schlüsselbein und ein wohliger Schauer durchströmte ihren Körper. Er roch nach einer Mischung aus Honig und dem Duft des Waldes nach einem Regenguss. „Ja…ich weiß nicht“, faselte sie. Er grinste „Es tut mir Leid, was ich vorhin zu dir gesagt habe, es war nicht richtig. Ich habe es bloß satt überwacht und kontrolliert zu werden, von meinem Vater, von deinem und diese verdammte Stadt macht einen verrückt“, sagte er aufrichtig. Malia beäugte ihn skeptisch. „Aber ich würde mich dennoch freuen, wenn wir unseren Spaziergang fortsetzen könnten“, sagte Mo. „Na ja“, begann sie langsam, als müsste sie sich selbst überzeugen, „zu Hause wartet ein unangenehmes Gespräch auf mich, das würde ich gerne hinauszögern.“ „War das also ein Ja?“, hakte Mo nach. „Schätze schon“, sagte Malia lachend. Sie gingen eine Zeit lang schweigend nebeneinander her. Malia wusste nicht, ob es tatsächlich eine gute Idee gewesen war den Abend fortzusetzen und hoffte, dass der Alkohol ihr half die Zweifel zu beseitigen. Während Mo neben ihr herlief, betrachtete er sie eingehend. In dem Jahr schien sie noch schöner geworden zu sein, falls das überhaupt möglich war. Ihre gletscherblauen Augen brachten sein Blut zum Gefrieren, aber irgendwie auf eine gute Art. Er fragte sich, wie sich ihre Lippen anfühlen würden und stellte sich ihren nackten Körper mit der alabasterfarbenen Haut auf den Fellen vor seinem Kamin vor. All das dachte er, während sie im angetrunkenen Zustand über den Ausbruch aus Prion und dem Leben in einer anderen Welt fantasierte, nur dass es diese Welt leider nicht gab. Prion war die Stadt der Überlebenden. Mehr gab es nicht da draußen. „Warum starrst du mich die ganze Zeit so an und sagst nichts? Das ist echt unheimlich“, stellte sie fest und kicherte. „Fühlt es sich denn gut an, dieses „unheimlich“?“, fragte er. „Ich weiß nicht genau“, gab sie zu. “ „Willst du es herausfinden?“, fragte er einladend. Malia nickte, „Ja“. Er führte sie auf eine Lichtung. „Darf ich?“, fragte er mit Blick auf die beinah leere Flasche. Er stellte sie auf einen Baumstumpf. Dann nahm er ihr Gesicht in die Hände und küsste sie zart, fast keusch auf die Lippen. Er strich ihr durch die dunkelbraunen Locken. „Weißt du ich bedaure wirklich sehr, dich nicht schon früher kennengelernt zu haben. Du bist so schön und unschuldig“, in seinem Blick spiegelte sich das Bedauern. „Was redest du da?“, fragte sie lachend. „Weißt du“, sie biss sich lasziv auf die Lippen, „ich kann auch unanständig sein“. „Ach ja?“ Seine Stimme war belegt. Jetzt war sie es, die ihn mit dieser Offensive in Verlegenheit brachte. Malia war bei weitem nicht seine Erste, aber der fordernde Blick ihrer eisblauen Augen, brachte ihn wahrlich um den Verstand. Er sollte doch bloß dafür sorgen, dass sie sich ein bisschen in ihn verknallte. Sie sollte ihm vertrauen und der Wein sollte sie unvorsichtig werden lassen. Ein paar Küsse, mehr nicht. So war der Deal. Doch jetzt schlang sie die Hand um seinen Nacken und ihre weinbenetzten Lippen trafen fordernd auf seine. Mos Verstand sagte ihm, er solle sofort aufhören und zu Ende führen, was ihm aufgetragen wurde, doch als ihre Finger unter sein Hemd fuhren und über seine Brust bis zum Hosenbund tanzten, übermannte ihn die Lust. Er zog sie enger an sich und erwiderte ihre stürmischen Küsse. „Hör nicht auf“, keuchte sie, als er ihren Hals mit Küssen übersäte und dabei ungeduldig an der Schleife ihrer Corsage nestelte. Sie packte ihn am Hosenbund und zerrte an seinem Gürtel. Er ahnte es war falsch sich auf sie einzulassen, aber irgendwie machte genau das den Reiz aus. Er nahm sich endlich, was er wollte und wer würde das schon mitbekommen. Niemand. Mo vergrub seine Hände in ihrem vollen Haar und drängte sie mit den Rücken an einen Baum. Er spürte ihren bebenden Körper noch näher an seinem und die Begierde vernebelte ihm das letzte bisschen Verstand. Abrupt ließ sie von ihm ab. „Was ist?“, fragte er noch nicht wieder ganz bei Sinnen. „Da hinter den Bäumen war jemand, eine dunkel gekleidete Person mit Kapuze“, sagte sie im angespannten Flüsterton. Mo runzelte die Stirn und sein Blick glitt die umliegenden Bäume entlang. „Ich sehe niemanden“, sagte er. „Vielleicht sollten wir lieber woanders hingehen“, schlug Malia vor. „Nein, ich werde mich umsehen und bin mir sicher, dich entwarnen zu können. Bitte warte hier auf mich.“ „Aber…“, wollte sie entgegnen. „Keine Angst dir wird nichts passieren. Der Typ ist entweder ein Spanner oder ein Laufbursche deines Vaters. Wie auch immer, wenn ich ihn finde, werde ich ihn dazu bringen zu verschwinden“ Als er Malias besorgten Blick bemerkte nahm er ihr Gesicht in die Hände. „Sieh mich an. Alles wird gut. Du brauchst dir wirklich keine Gedanken zu machen.“ Er küsste sie zärtlich. „Bis gleich“, damit verschwand er im Wald. „Bis gleich“, flüsterte sie. Mo betrat den Weg, welchen Malia und er entlang gelaufen waren. Der Weg führte kerzengerade durch den Wald und schien sich irgendwann in der Dunkelheit aufzulösen. Er sah Niemanden. Mo ging ein Stück des Weges entlang, versuchte aber immer Malia im Blick zu behalten. Plötzlich erfüllte das Knacken eines Astes die Stille. Mo eilte in die Richtung aus der das Geräusch kam. Vielleicht ein Tier, vielleicht aber auch nicht. Zwischen Gestrüpp und Bäumen erschien die Nacht noch schwärzer und undurchdringlicher. Nur ein kleiner Fleck Erde wurde vom Mondlicht beleuchtet. Trotzdem versuchte Mo mit angestrengt zusammengekniffenen Augen etwas oder jemanden zu erkennen. Nichts bis auf ein paar Eichhörnchen und Motten flogen im Lichtkegel des Mondes. Er wollte sich gerade abwenden, doch aus dem Augenwinkel erkannte er eine dunkle Gestalt. Sie huschte zwischen den Bäumen umher. Nur wenige Meter entfernt von ihm. „Hey stehenbleiben“, brüllte Mo, als die Gestalt erkannte, dass sie entdeckt wurde und deshalb davonlief. Mo folgte ihr, doch durch das Unterholz konnte er sich noch lange nicht so schnell und wendig bewegen, wie der Gejagte. Der Abstand zwischen ihnen wurde immer größer. Auf dem Parkplatz angekommen, stützte Mo die Hände auf die Knie. Er hatte ihn verloren. Er ging zu seinem Auto, entriegelte es und griff in den Kofferraum. Er zog das Messer hervor. Nachdenklich strich er über die Klinge, das Mondlicht spiegelte sich darin. Normalerweise hätte er damit Malia töten sollen. So war die Abmachung. Sie versprachen ihm eine Menge Geld, das brauchte er, um sich von seinem Vater loszusagen und ein bisschen Freiheit zu leben. Jetzt fragte er sich, wie er so grausam denken konnte.

„Na, wolltest du ihrem Leben damit ein Ende bereiten“, fragte plötzlich eine männliche Stimme voller Verachtung. Mo zuckte zusammen und drehte sich abrupt um. Er schaute geradewegs in den Lauf einer Waffe mit Schalldämpfer. „Ich habe mich anders entschieden“, sagte Mo mit zittriger Stimme. „Oh ich weiß“, sagte der Mann im dunklen Umhang, „das habe ich vorhin gesehen“. „Wer bist du?“, fragte Mo mit einer Mischung aus Verachtung und Furcht. Mit einer fließenden Bewegung versuchte er dem Mann die Pistole zu entreißen. Doch dieser war schneller und schoss Mo ohne zu zögern ins Bein. Er heulte auf, strauchelte und sackte rückwärts in den Kofferraum. Der Mann hielt ihm jetzt den Lauf der Pistole direkt an die Stirn. Eine kupferrote Strähne fiel aus der Kapuze. „Sag mir, wie hast du sie rumgekriegt?“ „Darum gehts hier also, du stehst auf sie!“, bemerkte Mo trocken, „aber du wirst sie garantiert nicht erobern, wenn ich tot bin.“ „Eines Tages wird sie über dich hinwegkommen. Du wolltest sie schließlich ermorden.““Ich weiß jetzt wer du bist, Epheus. Es ist so armselig, wie du die Drecksarbeit für Greystone erledigst und dir dadurch Ruhm und eine schöne Frau erhoffst. Aber irgendwann kommt die Wahrheit ans Licht und Malia will Niemanden, der aus Hass und Eifersucht für sie tötet, glaub mir“, sagte Mo gepresst. „Ich werde dir alles nehmen, bevor du mit der Wimper zucken kannst Mo Edwards. Malia wird mein sein“, zischte er und seine Hand mit der Waffe zitterte vor Wut. „Wenn du Notwehr beteuerst, mag sie deine Verantwortlichkeit an meinem Tod verzeihen, aber was wird sie sagen, wenn du ihren Vater den Sicherheitsminister von seinem Thron stößt, um deinen eigenen Vater darauf zu setzen?“ Epheus erstarrte. In seinen Augen spiegelte dich das Entsetzen. Das hatte alles geändert, er wusste zu viel und musste sterben. Eigentlich hatte Epheus noch nicht oft eine Waffe in den Händen gehalten und gefeuert. Mit 14 zeigte ihm sein Vater das Waffenarsenal in einem versteckten Raum des Hauses und seither häuften sich die Geheimnisse, die es zu hüten galt. Dass Mo die Pläne von Epheus Vater durchschaute, die er dem Sohn aufgebürdet hatte, stellte zweifelsohne ein Problem dar. Epheus Blick fiel auf Mo und dieser begriff sofort. „Ich werde nicht zulassen, dass du ihr etwas antust.“ Mit dem gesunden Bein trat er Epheus, die Waffe aus der Hand. Sie flog durch die Luft und landete vor dem Reifen des nächsten Fahrzeugs. Epheus rannte los, als Mo ihm ein Bein stellte. Währenddessen hievte Mo sich aus dem Kofferraum und humpelte auf die Pistole zu. Epheus stürzte sich auf ihn. Beide fielen zu Boden. Mit einem geschickten Handgriff überwältigte Epheus Mo. Mit hassverzerrtem Gesicht verpasste er ihm Faustschläge auf Kiefer und Nase. Das Blut spritzte. Die Waffe lag nur wenige Zentimeter von Mos Hand entfernt. Mit einer Hand versuchte er an die Waffe zu gelangen und mit der anderen die Schläge abzuwehren. Ihm wurde zwischenzeitlich schwarz vor Augen. Da durchschaute Epheus Mos Plan und versuchte die Pistole wegzukicken. Mo ergriff sein Bein und brachte ihn zu Fall. Mo kroch vorwärts. Blut rann ihm in Mund und Nase. Endlich. Er spürte den kühlen Griff der Waffe in seiner Hand. Er entsicherte die Waffe, wie er es gelernt hatte. Epheus stürzte sich wieder auf ihn und versuchte ihm die Waffe zu entreißen. Mo rollte sich zur Seite und feuerte beinah blind zwei Mal. Beinah blind feuerte er einen Schuss ab. Die erste Kugel streifte Epheus rechten Arm und die zweite blieb kurz über der linken Brust stecken. Epheus sackte zu Boden und röchelte. Mo war außer Atem und lehnte sich an ein Fahrzeug. Sein ganzes Gesicht schmerzte. Wie aus dem Nichts kam eine zweite Gestalt Gestalt hinter den Autos hervor. Eine schmale Gestalt, die in denselben dunklen Umhang, wie Epheus gehüllt war. Bevor er ihre Absichten erkennen konnte, rannte die Gestalt auf Mo zu. Sie schlug ihm mit ihrem schweren Stiefel die Pistole aus der Hand und rammte ihm in Sekundenschnelle das Messer in die Brust. Die schwarz behandschuhte Gestalt erhob sich und schlenderte davon. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Mo auf den Messergriff, der aus seiner Brust ragte. Er sackte zur Seite und starrte ungläubig in den unbewegten Sternenhimmel.

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