Naufragus

heilstätten 34Der rostrote Vorhang öffnete sich, Applaus brandete auf, hier und da steckten Leute die
Köpfe zusammen und tuschelten.
„Sie haben heute Abend alle hierher gefunden, um einer Geschichte des Grauens, des Bösen, was auf leisen Sohlen dahergeschlichen kommt und uns umgibt, wie zäher Nebel und den meisten von Ihnen, zum Glück bisher erspart blieb, zu lauschen“, der Mann machte mit der behandschuhten Hand eine ausholende Geste. Einige Damen in den ersten Reihen kicherten aufgeregt.

„Die Geschichte, welche ich heute erzählen möchte, handelt von Elend. Eine Reihe von düsteren Ereignissen, die das Leben von vier unterschiedlichen Menschen zerstört oder zumindest auf morbide Art und Weise verändert haben“, er unterbrach um einen tiefen Schluck aus seinem Glas zu nehmen und setzte seinen Zylinder ab. Überbrückte die Zeit, bis im vollgestopften Saal des Londoner Theaters, wo selbst einige Herrschaften in den Gängen standen, Frauen mit ihren Kleidern die Ausgänge blockierten und es trotz der eisigen Temperaturen vor den Türen mollig warm war, endlich Ruhe einkehrte.

„Es ereignete sich also 1703, dass ein Rappe von Lord Naufragus während eines Ausritts   über die Ländereien seiner Verwandtschaft ein Hufeisen verlor. Der Lord ging mit dem Tier am Zügel sogleich in die nächstgelegene Ortschaft und fand, zu seinem Glück, einen Schmied, der ihm das Pferd beschlug. Da lernte er die Tochter des Schmieds kennen und diese war von so unvergleichlicher Schönheit, dass die griechischen Gottheiten wohl vor Neid erblasst wären. So schwärmte der Lord noch Wochen nach ihrer ersten Begegnung von ihrem dichten, rabenschwarzen Haar und den tiefblauen Augen. Ein solches Blau, das nur die tiefe See aufwies und das die Undurchdringlichkeit des Ozeans selbst barg. So schenkte der Lord ihr bereits nach der zweiten Begegnung, Hals über Kopf verliebt, ein Anwesen seiner Familie auf Island. Ein altes Jagdschloss am Rande der Basaltsteinküste. Die junge Frau war äußerst entzückt und so heirateten sie bald darauf, obgleich die Familien dagegen waren. Lord Naufragus war bereits mittleren Alters und Leijah noch sehr jung. Sie bezogen das Anwesen auf Island und es dauerte nicht lange, da wurde die Lady aufgrund ihrer Schönheit zu einer Berühmtheit in Adelskreisen, keine Gesellschaft fand ohne sie statt, zum Abendessen war sie mit ihrem Gemahl stets woanders eingeladen. Sie wurde angehimmelt wie eine Göttin. Die Frauen des Adels begaben sich in ihre Nähe und hofften, dass etwas von ihrer Anmut und Schönheit auf sie übergehen möge und die Herren, gleich welchen Ranges verehrten sie heimlich oder machten ihr gar öffentlich Avancen, trotz ihres Ehebundes mit Lord Naufragus.
Doch eines war sonderbar. Jeder Frau und jedem Mann erschien sie anders. Manche
beschrieben sie mit goldblondem glatten Haar und hellblauen Augen, anderen erschien sie brünett und Lord Naufragus sah sie stets mit rabenschwarzem Haar und den ozeanfarbenen Augen. Es schien fast als sei sie eine Gestaltenwandlerin und verkörperte stets das Schönheitsideal ihres Betrachters. Das machte sie gleich noch viel kostbarer und aufregender, sodass ein mancher von weit herreiste, um sie zu bewundern.

Nicht ganz ein Jahr lebten die beiden zusammen, da befiel den Lord eine schlimme Krankheit. Er wurde träge und bettlägerig und obgleich die Lady ihn sehr liebte und sich um ihn kümmerte, war sie jung, wollte nicht auf die Gesellschaft des Adels verzichten und war oft bis tief in die Nacht fort. Dem Lord kamen in der Zeit allerlei düstere Gedanken, diese ebenso wie das Opium gegen die Schmerzen, seinen Verstand vernebelten, sodass in ihm ein giftiges alles zersetzendes Kraut wuchs und gedieh – die Eifersucht. Oft saß er stundenlang, obgleich ihm strikte Bettruhe verordnet wurde, am großen Bogenfenster des Hauses von welchem man die Straße beobachten konnte, um zu sehen in welcher Gesellschaft sich seine Frau befände, bevor sie zurückkehrte. In seiner Einsamkeit steigerte er sich in Fantastereien und seine düsteren Gedanken umschwebten seinen Geist, wie schwere Gewitterwolken. Stets sah er die Lippen eines fremden Mannes vor sich, der die ihren küsste und seine Hände, die ihre Haut
berührten. Das Opium verstärkte seine Vorstellungen und so sah er sie, wie echt vor sich. So kam es, wie es kommen musste“, sein Blick glitt vielsagend über das Publikum. „Eines
Abends als die Lady nach Hause kehrte fand sie ihren Mann in seinen besten Kleidern vor dem Bogenfenster auf sie wartend. Der Kronleuchter in der Eingangshalle war entzündet, als würden sie ein Fest geben und es roch nach Braten und jemand spielte den Flügel. Nachdem sie seit Monaten das erste Mal wieder zusammen speisten, waren das Einzige, was an die Krankheit des Lords erinnerte die Schweißperlen auf seiner Stirn, doch er ließ sich nicht anmerken, wie kräftezehrend all das für ihn war. Nach dem Abendessen geleitete er Lady Leijah in seine Gemächer. Sie küssten und liebkosten sich, doch während des Aktes sah er immer wieder das Bild von ihr und einem anderen Mann vor seinem inneren Auge. Er vergrub den Kopf in ihrem Haar, um es loszuwerden, doch da glaubte er den Duft eines Herrenparfums zu riechen und wurde rasend. In seiner blinden Wut sprang er vom Bett, ergriff den Brieföffner und stach seiner Frau bei lebendigem Leib die ozeanblauen Augen aus, damit sie nie wieder einen Mann um den Verstand bringen mögen. Er schnitt ihr die Zunge heraus, damit ihre zarte Stimme nie wieder einen Laut hervorbringen würde, schnitt ihr die
Haare ab und verunstaltete ihre porzellanfarbene Haut aufs Schlimmste, sodass kein Mann sie je mehr lieben und begehren würde. Zum Schluss hieb er den Brieföffner acht mal in ihre Brust. Acht, eine Zahl die zugleich Unendlichkeit verkörperte, seine unendliche Liebe zu ihr. Das alles ging so schnell, dass sie nicht einmal schreien konnte. Die weißen Laken waren rostrot getränkt und auch an seinem Körper klebte überall ihr Blut. Die junge Frau auf seinem Bett lag wehrlos und nackt vor ihm und hatte nichts menschliches mehr an sich. Wie sie so leblos vor ihm lag, drang eine Erkenntnis in sein Bewusstsein. Sie würde nie wieder aufwachen. Sie war tot. „Oh Gott Leijah, Leijah“, rief er, zog sie zu sich in die Arme, rüttelte an ihren Schultern, sodass ihr lebloser Kopf einer Puppe gleich hin- und herschwang. „Wach auf“; brüllte er „Leijah, tu mir das nicht an!“ „Ich wollte doch nur…Ich wollte doch nicht…“, schrie und heulte er gleichzeitig. Als seine Bediensteten von den Schreien des Lords alarmiert das Zimmer betraten, fanden sie ihn mit seiner nackten, blutüberströmten und leblosen Frau im Arm und einem Brieföffner in der anderen Hand auf dem Bett sitzend, absonderliche Schreie ausstoßend. Und als sie den Wahnsinn in den Augen des Lords sahen und das Aufblitzen der blutüberströmten Waffe, nahmen sie die Beine in die Hand und rannten aus dem Haus, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen. Die Bediensteten trauten sich nicht
Anzeige zu erstatten, fürchteten sie doch, dass die Gräueltat von der Adelsfamilie vertuscht oder gar ihnen selbst angelastet werde. Den Adligen und seiner Verwandtschaft sagte der Lord, sie habe die Geburt nicht überlebt und auch das Kind sei kurze Zeit darauf gestorben. Man glaubte ihm kein Wort, denn auch ihnen entging der wirre Blick des Lords nicht. Doch die Krankheit, schlug mit größerer Erbarmungslosigkeit zu als vorher und manch einer empfand sein Leid, als die einzig gerechte Strafe, die Aussicht seines baldigen Tods spendete ihnen zumindest gewissen Trost. Dennoch fand sich ein ehrenhafter Verehrer, der nicht Ruhe geben wollte, bis dem Lord der Prozess gemacht würde und so schickte er Lord Naufragus und die tote Frau zu suchen.

Im verlassenen Jagdschloss an den Klippen fand man weder ihn, noch Hinweise auf ein Verbrechen, weshalb man recht schnell aufgab und die Angelegenheit
auf sich beruhen ließ. Im nächstgelegenen Dorf hieß es bisweilen, dass die Seele von Lady Leijah nie Frieden finden konnte und noch immer an das Haus gebunden sei. Der Lord, so munkelte man, sei noch am Leben und aufgrund seiner abscheulichen Tat verdammt auf ewig in qualvollen Schmerzen zu leben und seinen Körper durch die Einverleibung von Seelen am Leben zu erhalten. So blieb der Ort am Rande der Klippen verlassen und keiner wagte auch nur einen Schritt in die Nähe des Hauses. Es vergingen die Jahre und das Verbrechen, was sich dort einst ereignete, geriet in Vergessenheit.

…bis eine junge Adelsfamilie in das gegenüberliegende Gebäude des Anwesens einzog“, er schaute vielsagend in die Runde. Eine jede Dame und ein jeder Herr lauschten ihm gespannt und es war so still, dass er glaubte sprichwörtlich eine Stecknadel fallen hören.

„In der Nacht hatte es den ersten Schnee gegeben und die Fenster waren von Raureif
umrandet. Noch immer tummelten vereinzelt Schneeflocken in der Luft, wurden vom Wind aufgefangen und durcheinandergewirbelt, bevor sie fielen. Wie so oft glitt der Blick der jungen Frau am Fenster ganz unvermittelt zum gegenüberliegenden Anwesen. Es lag ruhig und verlassen da und trotzdem ging von diesem Gebäude vor allem in der dunklen Jahreszeit eine stille Bedrohung aus. Sie war wach. Oder träumte sie gar? Hinter einem der unteren bogenförmig geschwungenen Fenster glaubt sie eine gebückte Gestalt ausmachen zu können. Ob des abstrusen Gedankens, zwickte sich die junge Frau am Fenster in den Arm. Sie spürte den leichten Schmerz. Nein, es bestand kein Zweifel. Sie war wach. Sie wandte sich vom Fenster etwas ab und strich sich mehr aus Nervosität, als aus Sorgfalt die schweren nachtblauen Röcke glatt. Sie warf sogleich einen zweiten verstohlenen Blick zu dem sonderbaren Gebäude und ließ dann vor Erleichterung die Schultern sacken. Da hatte ihr schlaftrunkener Geist in der Morgendämmerung doch tatsächlich eine Gestalt hinter den Fenstern des düsteren Gemäuers ausmachen wollen, dabei waren es nur die zerfetzten Vorhänge, die sich hinter dem zerbrochenen Fensterglas im Wind bewegten. Vor ihren Kindern würde sie nie zugeben, dass ihr das Anwesen ebenso unheimlich erschien und jedes mal ein unangenehmes Kribbeln durch ihren Körper fuhr, als sie dort hinübersah. Zweifellos boten die Mauern Anlass zu Spekulationen, wie sie sich verschmelzend mit dem Basalt der Steilküste, tarnend ,wie ein Raubtier auf Beutezug, in die Felsen klammerten. Doch letztendlich war es nicht mehr als alter poröser Stein und verwitterndes Holz, versuchte sich die junge Frau einzureden. Das Übermaß an Fantasie ihrer Sprösslinge war wohl Schuld an
dem morgendlichen Trugbild. Sie selbst hatten ihr, wohl bemerkt, unabhängig voneinander, Bericht erstattet über eine gebückte, in Lumpen gekleidete Gestalt am Rande der Klippe, die drohte in die Tiefe zu stürzen.

Von da aus fiel der Basalt 30 Meter in die Tiefe ab, versank im Meer, wo Wasser auf Stein
traf. Die kraftvollen Wellen des Atlantiks brachen, aufbegehrten, indem sie ihre Gischt
versprühten und sich zurückzogen, um erneut Kraft zu bündeln und gegen die Felswände zu klatschen. Wie ewig mahlende Zähne schlagen die Wellen in den Basalt und formten daraus Spitzen und Kanten und aberwitzige Formen. Gott bewahre, kein Mensch würde einen Sturz aus dieser Höhe überleben. Entweder er würde
auf einem der Felsvorsprünge aufkommen und dort verrenkt tot oder halbtot liegen, bis ihn die Vögel zerfressen hätten oder er würde ins tosende Meer stürzen, um dann einer Marionette gleich gegen die Klippen geschleudert oder von den hungrigen Wellen hinfortgetragen zu werden. Die junge Frau erschauderte ob dieses Gedankens. Nein, es war sicher nur ein Fels oder ein Baumstumpf, der sich an den Basalt klammerte und von weitem und mit etwas Fantasie aussah, wie eine gebückte Gestalt. Ein beherztes Klopfen riss die Dame jäh aus ihren Gedanken. Sie lauschte, sich vergewissernd, ob nicht auch das lediglich ihrer Einbildung entsprang. Doch das Klopfen erklang abermals, beharrlicher als vorher und in kurzer Folge. Wohl wissend, dass sie erst kürzlich mit Mann und Kindern hierher gezogen, der nächste Ort zwei Stunden zu Pferde entfernt, und ihr Mann zudem gerade außer Haus war, ergriff sie das Küchenmesser und schlich, stets bedacht das Knarzen der Dielen zu vermeiden, in Richtung der Haustür von der das Klopfen kam. Nachdem das vehemente Getrommel verstummt und sich wieder die bleierne Stille um das Haus gelegt hatte, fasste sie Mut und fragte schließlich mit fester Stimme, „Wer ist da?“. „Ah ich wollte gerade gehen, dachte es sei niemand da bei Ihnen“, sagte eine bubenhafte Stimme hinter der Tür. Sie öffnete einen Spalt breit, wobei sich der Griff um das Messer verstärkte. „Und Sie sind bestimmt kein Dieb oder Wegelagerer?“, fragte sie misstrauisch. „Oh nein, Milady ich wollte mich nur bei Ihnen nach diesem außergewöhnlichen Gebäude erkundigen“, er deutete in Richtung des düsteren Anwesens, „und da Sie weit und breit die einzigen Nachbarn sind, dachte ich Sie wissen vielleicht etwas darüber“. Aus seinem Blick sprach aufrichtiges Interesse und sie öffnete die Tür einen weiteren Spalt. „Warum interessiert Sie das?“ „Oh ich
verstehe“, sagte der junge Mann verständnisvoll, „ich bin Abenteurer und erkunde die Insel zu Fuß“. Die junge Frau öffnete die Tür nun ganz, da von dem Fremden wohl keine Gefahr auszugehen schien und legte das Messer, welches von dem jungen Mann bislang unbemerkt geblieben war, auf einen Beistelltisch neben der Tür, immer noch griffbereit. Sie betrachtete den jungen Mann vor sich. Er trug eine ausgebeulte Schirmkappe, einen abgetragenen Mantel und hatte ein Bündel über die Schulter geworfen, in welchem sich wohl all sein Hab und Gut befand. Des Weiteren hatte er seine viel zu weite, vor Schmutz starre aber ehemals weiße Hose, mit einem Strick um die Hüften gebunden. Seine Schuhe waren zerlaufen und im Linken war bereits ein Loch, aus dem ein strümpfiger Zeh herausschaute. Alles in Allem eine ärmliche Gestalt von der ein übler Geruch ausging. Doch seine beiden haselnussbraunen Augen strahlten so freudig und voller Tatendrang, dass sie nicht umhinkam ihn ins Herz zu schließen, wohl weil er sie an ihren eigenen, übermütigen Sohn erinnerte. „Also, was haben Sie vor?“, fragte die junge Frau interessiert, wenn auch nicht ohne einen Rest Misstrauen in der Stimme. „Ich möchte das Haus erkunden, es scheint mir als sei es unbewohnt und na ja, sie wissen ja was man sagt. In verlassenen Häusern hängt noch der Geist vergangener Tage, was auch immer man darunter verstehen mag“, er lächelte verschmitzt. Die junge Frau wurde ganz blass ob dieser Worte und sagte ernst, „Falls Sie vorhaben sollten diese Mauern zu betreten, so rate ich Ihnen dringend davon ab“. Er blickte sie überrascht an, doch es dauerte nicht lang da blitzte wieder der Schalk aus seinen Augen. „Oh ich bin sicher es ist nichts anderes als ein altes, verlassenes Haus, aber sehen Sie ich bin Abenteurer und brauche Inspirationen für meine Geschichten, die ich den Menschen erzähle. Dafür bekomme ich mein Geld“. Sie bedachte ihn mit einem skeptischen Blick. „Nun, jedes
Gebäude hat seine Geschichte, nicht wahr? Und würde man diesen Ort der Stille nicht aufs Fürchterlichste entweihen, dränge man einfach so ein?, erwiderte sie voller Entrüstung. Der Junge lachte herzlich. „Ich versichere Ihnen Milady, würde ich so denken hätte ich die Hälfte meiner Abenteuer nicht erlebt. Es geht stets darum Grenzen zu überschreiten, etwas zu tun, das andere nicht wagen würden“. Der Dame wurde klar, dass sie den jungen Mann nicht von seinem Vorhaben abzubringen vermochte und ihr wurde augenblicklich ganz kalt bei der Vorstellung, dass er dies unheimliche Gebäude ohne gebotenen Schutz und völlig unbekümmert betreten würde. „Offensichtlich kann ich Sie nicht vom Gegenteil überzeugen“, fing sie an, „aber ich möchte Ihnen dennoch eine Herberge für die Nacht anbieten und heute Abend mit uns zu speisen. Der junge Mann bedankte sich herzlich und verabschiedete sich rasch, nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, dass die Frau nichts über das Gebäude wusste. Über seinem Kopf türmten sich schwere graue Wolken auf und es würde wohl bald wieder zu
schneien beginnen. Da konnte er nur hoffen das Haus zu erreichen bevor der Schneesturm ihm die Kappe vom Kopfe fegen würde und bewegte sich festen Schrittes auf die dunklen Mauern zu. Auf seinem Weg ging ihm die Dame nicht mehr aus dem Kopf. Sie wirkte trotz ihrer jugendlichen Schönheit, den rosigen Wangen und den goldbraunen Locken, ernst und in sich gekehrt und schien sich wahrlich Sorgen zu machen, als sie von seinem Vorhaben erfahren hatte. Er musste unbedingt herausfinden mit wem sie dort wohnte und wer weiß, vielleicht würde die Erkundung des verlassenen Hauses gar nicht das größte Abenteuer an diesem Tag werden. Beschwingten Schrittes umrundete er das Gebäude in einigem Abstand auf der Suche nach einem Eingang. Er war zwar ein Abenteurer, aber besaß dennoch den Anstand trotz der zerbrochenen Fensterscheiben die Tür zu wählen. Vor dem Eingang verneigten sich die hohen Gräser durch die erste Schneelast und er stakste auf die mit Eisen beschlagene Holztür zu. Vor dem massiven Eingang hielt er schließlich inne, seine Schuhe fühlten sich an als hätte man ihm eisige Waschlappen um die Füße gewickelt. Doch er war jetzt hier und wollte er die junge Lady und seine Zuhörer beeindrucken, kam er nicht umhin seine Mission zu vollenden. Trotz seiner Abenteuerlust überkamen ihn leise Zweifel und er hielt einen Moment inne, um das Gebäude zu betrachten. Der Zahn der Zeit hatte an Stein
und Holz genagt und der Efeu wucherte so dicht, dass es aussah als würde er sich das Haus einverleiben wollen. Der junge Mann ließ sich dadurch jedoch nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er entfernte die Ranken an der Tür mit einem Messer. Als er sich durch das Gestrüpp gekämpft hatte, legte er beinahe ehrfürchtig eine Hand auf die rostige Klinke drückte sie runter und stemmte sich mit aller Kraft dagegen, sodass die Tür schließlich unter einem Ächzen nachgab und ihn eintreten ließ. Abrupt schlug sie mit einem dumpfen Knall hinter ihm zu, der im ganzen Haus nachhallte. Das lechzende Maul des Ungeheuers hatte sich hinter ihm geschlossen und augenblicklich umfing ihn eine Kälte, die keiner natürlichen Quelle zu entspringen schien. Er betrat eine düstere Empfangshalle, geradewegs vor ihm befand sich eine dunkle Holztreppe, die sich in einem kunstvollen Bogen einer Wirbelsäule gleich, in die erste Etage wendete. Links und rechts befanden sich große türlose
Räumlichkeiten mit Sitzmobiliar und Kaminen, wohl die Salons, vermutete der junge Mann. Durch die milchig staubigen Fenster fiel das fahle Tageslicht auf den Boden. Abgesehen von dem großen Bogenfenster mit den zahlreichen Verzierungen, welches wohl einst bunt gewesen und eine Jagdszene dargestellt hatte, war dies das einzige Tageslicht, was in den Eingangsbereich sickerte. Dieser war gefliest und obgleich die meisten Fliesen, ebenso wie die zahlreichen Spiegel an den Holzvertäfelungen, zerstört waren, hatten sie wohl einst das Familienwappen gebildet. Er umklammerte fröstelnd seine Oberarme und stakste zwischen den Spiegelscherben umher, peinlich darauf bedacht kein Geräusch zu machen. Im Zwielicht spiegelten sich Fetzen seines Gesichts und dann und wann erschrak er, wenn ein Lichtstrahl reflektiert wurde und es plötzlich gespenstisch in seinem Augenwinkel blitzte. Er straffte sich und rief sich zur Ordnung. Er war ein Abenteurer und schon an ganz anderen Orten gewesen als diesem verlassenen Haus hier. Aber du warst an diesen Orten nie vollkommen allein, rief ihm eine zarte Stimme ins Gedächtnis. Zögerlich ging er voran. Die Stufen knarzten und knackten unter seinen Schritten, wie die Knochen eines Greises. Plötzlich hörte er ein anderes
Geräusch, ein Scheppern schien aus einen der Salons zu kommen und das anfängliche
Unbehagen wich der Panik. Zwei Stufen auf einmal nehmend hetzte er die Stufen hinauf. Als plötzlich, unvermittelt das Holz nachgab, er schwankte, suchte Halt am Geländer, doch dieses brach und er fiel, ohne auch nur einen Mucks von sich geben zu können, mehrere Meter tief auf die Fliesen der Eingangshalle.

Als er später erwachte, vermochte er nicht zu sagen, wie lang er dort bereits gelegen hatte. Doch im Haus war es düsterer als zuvor, woraus er schloss, dass die Sonne kurz vorm Untergehen war. Er versuchte sich zu bewegen und zugleich zuckte ein erbärmlicher Schmerz durch seinen Kopf. In seiner Pein versuchte er sich auf den Arm gestützt aufzurichten und sackte sogleich unter einem schmerzerfüllten Gurgeln zur Seite, als er merkte, dass der Arm wohl gebrochen war. Er richtete sich nun mit dem anderen Arm auf und presste sich die Hand an die Stirn, woraufhin sich ein blutiger Abdruck auf dieser abzeichnete. Verdammt, fluchte er in sich hinein. Wie konnte man nur auf eine solch dumme Idee kommen sein Leben für ein aberwitziges Abenteuer aufs Spiel zu setzen? Was würde er bloß für ein warmes Kaminfeuer, eine Suppe und einen ordentlichen Kanten Brot tun. Mühsam versuchte er sich gänzlich aufzurichten, was ihm jedoch nicht sofort gelang. Weshalb er an das untere Geländer gelehnt die nächsten Minuten damit zubrachte sich selbst zu bedauern. In tiefen, selbstmitleidigen Gedanken gefangen rüttelte es plötzlich heftig an der Eingangstür, die sich verglichen mit der
bisherigen Stille unter einem ohrenbetäubenden Quietschen und Knarren Zentimeter um Zentimeter öffnete, ebenso, wie sich die Augen des jungen Mannes vor Entsetzen weiteten. Er kroch in den Schatten der großen Treppe und kauerte sich verzweifelt an das kalte Holz, als wünschte er mit diesem zu verschmelzen. Wer mochte das bloß sein? Um diese Zeit? Vielleicht doch jemand, dem das Haus gehörte? Was würden die Besitzer nur sagen, wenn sie hier einen Fremden fänden, einer der so zerlumpt aussah und definitiv einem Landstreicher oder Dieb glich. Sie würden ihn aus dem Hause prügeln.
Doch schnell wurde ihm klar, dass seine Gedanken außerordentlich abwegig waren, denn wer würde freiwillig in einem solch maroden Haus wohnen, dessen Boden übersät war mit scharfen Spiegelscherben. Es sei denn, und der Gedanke ließ ihn wahrlich schaudern, der Besitzer sei nicht mehr ganz bei Verstand. Es schien ihm, als würde sich die Tür mit quälender Langsamkeit öffnen und bevor auch nur irgendjemand oder -etwas den Eingangsbereich betreten hatte, stoben die Schneeflocken hinein und brachten eine eisige Böe mit. Den Kopf gerade so um die Ecke gereckt, dass er sein Versteck nicht aufgab, sah er den Saum eines dunklen Rockes kurz über den Fliesen
schweben und der goldene Lichtstrahl einer Laterne flutete die Eingangshalle. „Naufragus?“, erklang die glockenhelle Stimme einer jungen Frau im Eingang. „Leijah“, sagte eine dunkle Männerstimme, seine Stimme „schön, dass du da bist“. Was sagte er da? Seit wann hatte er eine solche Stimme und wie war es in seinem Zustand möglich auf der Treppe dieses Gebäudes zu stehen und eine junge Frau zu begrüßen, die er nicht mal kannte? Moment, er schaute näher hin, war das nicht die junge Frau von vorhin mit den goldbraunen Locken und dem ernsten Blick? War sie ihm etwa gefolgt und hatte sie ihm ihren Namen genannt? Irgendetwas war seltsam, er fühlte sich zwar schwach und ein unterschwelliger Schmerz wütete in seinem Inneren, aber er fühlte sich nicht als sei er durch ein Geländer gebrochen und rücklings vier Meter in die Tiefe gestürzt. Zudem steckte er in guter Kleidung. Kein Kratzen der Schafwolle, stattdessen anschmiegsame Stoffe aus Samt und Seide. Den Gehstock mit dem Löwenkopf, den er umklammert hielt, diente mehr der Komplettierung seines Auftretens, als der Überwindung von Gebrechen des Alters. Was war bloß geschehen? Ihm kam ein schauriger Gedanke. Er war gefangen. Sein Geist gefangen in dem Körper eines fremden, edlen Herren. Und er war nur Zuschauer dieses Theaterstücks, er konnte zwar sehen und fühlen, doch der Körper gehorchte nicht seinen Befehlen. Wie zur Bestätigung blieb er nicht vor Schreck angewurzelt stehen, sondern richtete sich auf in stolzer Manier und schritt selbstbewusst, die Stufen hinunter, der jungen Frau entgegen, die er oder die andere Stimme in seinem Kopf, die offensichtlich vorherrschend war, höchstselbst mit Lady Leijah angesprochen hatte. Er sah also sprichwörtlich durch fremde Augen, durch die Augen von einem gewissen Herrn Naufragus. „Oh“, hörte er den erstaunten Ausruf der Lady, „was ist mit den wundervollen Spiegeln geschehen?“ „Bitte entschuldige das Chaos, ich konnte die Spiegel nicht mehr ertragen. Ein tausendfaches Ich, was mir entgegenblickt, wenn ich den Eingangsbereich betrete“, er schüttelte den Kopf. „Ich habe die Diener angewiesen jeden einzelnen zu zerstören“. Sie hob eine Scherbe vom Boden auf und betrachtete sich darin. „Seien Sie vorsichtig“, entfuhr es ihm. Er war es, es war seine Stimme, die die Lady gewarnt hatte. Ich kann also doch sprechen, dachte er erleichtert und fast hätten seine Hände vor Freude angefangen zu zittern, da ergriff Lord Naufragus wieder die Oberhand in diesem nicht sichtbaren Kampf. Sie kicherte und warf die Scherbe achtlos zu Boden, wo sie auf andere traf und unter einem Scheppern zersprang. Dann durchschritt sie lautlos, beinahe andächtig mit gerafften Röcken die Eingangshalle. Die Augen stets auf ihn gerichtet und hielt dabei seinen Blick gefangen, sodass er nicht einmal zu blinzeln vermochte. Als sie die Treppe zu ihm emporstieg berührten ihre kühlen Fingerspitzen seine Hand und ließen ihn frösteln, doch nur
ihm, dem jungen Abenteurer, erging es so, dessen Geist im Kopf eines anderen gefangen war und dessen Körper wohl gerade als nutzlose Hülle am Rande der Treppe im Schatten lag. Lord Naufragus nahm zwar von den Reizen der Lady Notiz, schien aber sehr vertraut mit ihr zu sein, weshalb er keineswegs so aufgewühlt war wie der junge Abenteurer, als sie ihm schließlich „Komm mit“, ins Ohr hauchte und ihr eisiger Atem den Körper von Naufragus mit einer Gänsehaut überzog. Ihr Haar roch erdig, nach Moos und verwitterndem Laub, als sie dicht an ihm vorüberstreifte. Doch hatte sie vorhin nicht ganz anders gerochen als er an ihre Tür geklopft hatte? Lieblicher? Und waren ihre Wangen nicht rosiger und von ihr Wärme ausgegangen? „Komm“, sagte sie mit strengem Blick und winkte mit ihrer elfenbeinfarbenen Hand, da waren ihre rauschenden Röcke auch schon hinter der nächsten Ecke verschwunden. Der Lord folgte ihr ohne zu zögern, doch der Abenteurer wollte verharren, nachdenken, denn irgendetwas kam ihm seltsam vor und hätte er aus dem großen Bogenfenster zu seiner Linken geschaut, hätte er womöglich in der Abenddämmerung eine Frau mit ausladenden Röcken im
Garten des gegenüberliegenden Anwesens ausmachen können, die Wintergemüse erntete, um das Abendessen vorzubereiten. Doch er ließ sich mitreißen von den Gelüsten des Lords und auch er vermochte den Reizen von Lady Leijah nicht zu widerstehen. Also folgte er ihr in die erste Etage und betrat einen langen dunklen Korridor, dessen Wände bestückt waren mit zahlreichen Familienportraits von alten und jungen Herrschaften, Kindern und Haustieren. Doch die goldenen Rahmen waren angelaufen und die Farbe verblasst oder schimmelte an den Stellen, wo sie Feuchtigkeit gezogen hatte.
Was war das? Er nahm plötzlich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr, schaute zu dem Portrait. Ein alter Mann mit lichtem Haar und tief gefurchter Stirn war mit einer Lupe über ein Buch gebeugt, die einzige Lichtquelle, war eine Kerze am unteren Bildrand, die das Gesicht des Alten in gespenstisches Licht tauchte. Was für ein außergewöhnliches Portrait, dachte sich der junge Mann. Beim näheren Hinsehen schienen jedoch die Kolorierungen zu verlaufen und das Gesicht verzerrte sich auf grauenhafte Weise, bis die Farben ineinander übergingen. Entsetzt wich er zurück und schaute sich um. Das Portrait einer jungen Adligen verfloss, sodass das Auge nicht mehr an seinem rechten Platze war, bis sich die Farbe der Haut mit dem Marineblau des Hintergrunds vermischte. Er taumelte rückwärts, bis er die Wand in seinem Rücken spürte, die Augen geweitet. Er fuhr herum. Die Wände schienen sich zu
bewegen. Wie Lungen atmend in einem immer fortwährenden Rhythmus und das Schlagen eines Herzens, so laut, dass er sich die Ohren zuhalten musste. Der Körper von Naufragus wand und krümmte sich vor Schmerzen. LASS MICH HIER RAUS!, schrie der Abenteurer, der das Grauen nicht länger ertragen konnte. Doch der Lord schien gar keine Anstalten zu machen, ja schien ihn gar nicht zu bemerken oder ihn wenigstens zu ignorieren. Am Ende des Korridors erklang ein Kichern und der Lord bewegte sich darauf zu. Um Gottes Willen, was tat er da? Es musste einen Ausweg geben, eine Achillessehne, die ihn aus dem fürchterlichen Geiste von Naufragus befreien würde, dachte der Abenteurer. Das Kichern erklang erneut und er sah zu der Quelle am Ende des Korridors. Lady Leijah trat aus einem der Zimmer und ließ, dem Lord den Rücken zugewandt, den Mantel die alabasterfarbenen Schultern hinabgleiten. Ihre Schulterblätter rahmten die üppigen Locken ein, die ihr in goldenen Kaskaden über den
Rücken fielen. Sie blickte sich um und kicherte erneut. Es war kein natürliches, mädchenhaftes Lachen, vielmehr schien es aus der Kehle einer Irren zu entspringen und
wurde von allen Wänden des Hauses wiedergegeben, sodass es in tausendfachem Echo an sein Ohr gelangte, beinahe so als hätte das Haus selbst diesen Laut ausgestoßen. Der Lord musste das doch hören oder spielte sich das nur in seinem Geiste ab? Doch ersterer schritt unberührt, wie in Trance in Richtung der Lady, die jetzt in einem anderen Zimmer verschwunden war.
Sie lehnte an einem der geschnitzten Pfosten des Himmelbettes und wandte ihm den Rücken zu. Es roch nach Kerzenwachs und Wein und Opium. Im Kamin brannte ein Feuer. Die Wärme stand im eigentümlichen Gegensatz zur restlichen Kälte des Gebäudes. Als sich Lady Leijah umdrehte blies sie den Rauch aus und ging schleichend, einer Katze gleich, durch den Nebel auf Naufragus zu und hielt ihm auffordernd die Zigarre entgegen. Dieser nahm sie entgegen und tat mehrere tiefe Züge. Ihre Lippen umspielte ein vielsagendes Lächeln. Es dauerte nicht lange, bis die Kerzenflammen vor Lord Naufragus Augen, und damit auch unweigerlich vor denen des Abenteurers, verschwammen und ihre roten Lippen und ihr nach Erde duftendes Haar, das Einzige waren woran er denken konnte. Der Lord vergrub eine Hand darin, als er sie in einen leidenschaftlichen Kuss zog.

Lass los, wollte der Abenteurer brüllen. LASS SIE AUF DER STELLE GEHEN! Doch ein
anderer Teil in ihm wollte, dass er nachgab, schließlich spürte er ebenso, wie Lord Naufragus die Schnürung ihres Korsetts öffnete und mit seinen Fingerspitzen ihre nackte Haut erkundete, ihren Hals küsste und sie auf das Bett zwischen Kissen und Decken versanken. Jedoch gingen die Berührungen nicht von ihm aus. Er konnte lediglich wie ein Zuschauer gebannt von innen heraus sehen und fühlen und nicht entscheiden, ob er sich in sein Schicksal fügen oder versuchen sollte auszubrechen. Er wollte in seinen eigenen Körper zurück. Mit seinen eigenen Händen die Lady berühren. Doch der Lord dachte nicht daran Lady Leijah gehen zu lassen. Ihr Atem ging schneller, als er ihren Rock hochschob und die Innenseite ihrer Schenkel
berührte. Mit geschickten Handgriffen zog sie ihn aus und er vergrub erneut seine Lippen in ihrer Halsbeuge, als mit einem Schlag, wie von einem heftigen Windstoß, Kaminfeuer und Kerzen erloschen. Augenblicklich umfing ihn die Kälte. Die bleierne Schwärze der Nacht breitete sich aus und vermischte sich mit dem quecksilbernen Licht des Mondes. Die junge Frau kicherte, wie von Sinnen und als er sie ansah packte ihn das Grauen.

Ihre Haut war bläulich, eingefallen, die Wangenknochen stachen hervor wie Pfeile, ihre Lippen waren blass und ledrig, der Mund zu einem entstellten Grinsen verzogen und die Augen! Oh Gott die Augen! An ihrer statt klafften zwei schwarze Löcher. Mit einem Schrei sprang der Lord vom Bett und wich zurück. Langsam, in quälender Zeitlupe richtete sie ihren Oberkörper in der Dunkelheit auf und starrte ihn aus seelenlosen Höhlen an. Der Lord, wie auch der Abenteurer verharrten starr vor Angst mit schreckgeweiteten Augen. Aus ihrer Kehle entwich ein furchterregender Laut, ein Laut, wie sie nur gequälte Seelen von sich geben konnten. Er schwoll an und als beide dachten, es sei um sie geschehen, entwich ihr Geist dem Raum und hinterließ einen eisigen Luftzug. Der Lord sank in sich zusammen, am ganzen Leib zitternd und wimmerte wie ein Kind. Wir müssen hier raus, dachte der Abenteurer. Wir müssen sofort diesen grauenvollen Ort verlassen. Millimeter für Millimeter drückte er die Türklinke hinunter, als ein Mark und Bein durchdringendes Quietschen erklang. Jetzt galt es schnell zu sein. Er schlüpfte durch die Tür hindurch. Doch bereits auf dem Korridor erhob sich aus dem Mondlicht die Gestalt der Lady. Von ihrem knöchernen Leib hing das schwarze Kleid in Fetzen und ihre leichendünnen, langen Finger hatte sie ausgestreckt und schwebte so auf ihn zu. Hinter den Wänden schwoll ein Rascheln und Tosen an. Explosionsartig zerfetzten tausende Raben die Tapeten und schossen in seine Richtung. Panisch hob er die Arme, um seinen Kopf zu schützen. Jetzt schwebte die Lady vor ihm. Er konnte in seiner gebückten Haltung, die Arme über den Kopf haltend, ihren Rocksaum erkennen und von ihrer ganzen Gestalt ging eine durchdringende Kälte aus. „Sieh mich an!“,
forderte ihre Stimme in seinem Kopf. die wie das Kratzen von Zweigen an eine
Fensterscheibe klang. Nein, flüsterte der Abenteurer, tu es nicht! Der Lord zitterte am ganzen Leib und hob langsam den Kopf und blickte schließlich in die grauenvollen schwarzen Löcher, wo einst ihre Augen waren. „Hast du mir eine Seele gebracht?“, ihre Stimme klang wie das Kratzen von Zweigen an eine Fensterscheibe. „Ja“; sagte der Lord mit zittriger Stimme. „Die letzte, dann bist du frei“. „Nein, bitte tu es nicht“, flehte der Abenteurer. Doch es war zu spät. Die Klauen packten den Lord am Hals. Der süßliche Geruch der Verwesung schlug ihm entgegen. Die Lady zog ihn in einen tiefen Kuss und verleibte sich gierig die Seele des jungen Abenteuers ein.

Als der junge Mann am Rande der Treppe erwachte fühlte er sich schlechter als zuvor. Seine Knochen schmerzten, als würden sie sich durch das Fleisch bohren. Er hatte keine
Erinnerungen was geschehen war, nur das dringende Bedürfnis diesen kalten, unheimlichen Ort zu verlassen. Als er aus der Tür trat, umgaben ihn die Schneeflocken, wie ein Schwarm wimmelnder Insekten. Er wusste nicht wohin, ja er wusste nicht einmal wo, geschweige denn wer er war. Als sei er in seiner Gestalt vom Himmel gefallen ohne Wissen, als unbeschriebenes Blatt. Taumelnd irrte er ziellos durch die Nacht, versuchte angespannt nach Erinnerungen zu suchen, nach Anzeichen, doch da war nichts. Nur er, das Haus und der Schneesturm. Sodass er beschloss weiter zu gehen und bemerkte plötzlich das Flackern von Licht hinter einem Fenster des gegenüberliegenden Hauses, wo die Silhouette einer Frau zu erkennen war. Da keimte erneut Hoffnung in ihm auf. Hoffnung auf Wärme, Geborgenheit und…Antworten? Gebannten Blickes ging er weiter und bemerkte die Klippen zu seinen Füßen erst, als er bereits ein Fuß über den Abgrund schwebte. Ob eine unsichtbare Kraft ihn gestoßen hatte oder er das Gleichgewicht verlor, konnte man später nicht mehr sagen. Er fiel, von nun an den Launen des tosenden Ozeans ausgeliefert, die schroffen Klippen hinunter“. Einige Herrschaften hatten sich vor Entsetzen die Hände vor den Mund geschlagen und er wartete ab, bevor er fortfuhr. „Als die Lady hinter dem Fenster ihren Blick über die Landschaft schweifen ließ, erkannte sie eine gebückte Gestalt, die mit einer Laterne in der Hand durch den Schnee irrte. War das der Abenteurer? Sie sah genauer hin, doch das Licht der Laterne war schwach und sie konnte nicht viel erkennen. Orientierungslos stapfte die Gestalt durch den Schnee, verharrte kurz und schaute sich um. Dann ging sie zielstrebig in Richtung der Klippen. Um Gottes Willen, was tat er da? Die junge Frau presste eine Hand an die Fensterscheibe, wollte ihn warnen, riss das Fenster auf und schrie in die Nacht. „HALT! Bleiben Sie stehen!“, doch der Sturm schluckte
ihre Worte, ließ sie nicht an die Ohren des jungen Abenteurers dringen. Auf einmal schien er sie zu bemerken und schaute zu ihr auf, während er bereits einen Fuß über die Klippe setzte. Wie in Zeitlupe kippte er vornüber, verlor den Halt und fiel mit der Laterne in die Tiefe. Die junge Frau am Fenster sackte lautlos in sich zusammen. Flocken stoben in das geöffnete Fenster. Sie würde das Bild nie wieder aus ihrem Kopf verbannen können“.

Er machte eine lange Pause, um den Zuhörern zu verdeutlichen, dass seine Erzählung hier endete. Obgleich er wusste, dass dies noch lange nicht das Ende für alle Figuren dieser Geschichte war. Für eine fing sie gerade erst an.

Applaus brandete auf. Der Erzähler stand auf und verbeugte sich. Gut gekleidete Damen und Herren drängten Richtung Ausgang. „Nur eine Frage mein Herr“, begann ein Reporter. Andere schlossen sich mit gezückten Notizblöcken an, sodass sich eine Traube um ihn bildete. „Ich habe Ihnen bereits alles gesagt“, erwiderte er mürrisch, schnappte seinen Zylinder und verschwand hinter den Vorhang. Dort erwartete ihn bereits eine junge Frau. Genervt verdrehte er die Augen. Sie ließ sich davon nicht beirren, trat näher und musterte ihn mit einem prüfenden Blick. „Woher wissen Sie wie sich die Geschichte zugetragen hat, wenn Sie gar nicht dabei gewesen sind?“, fragte sie ohne sich zu entschuldigen oder sich gar vorzustellen. Ein verschlagenes Lächeln umspielte seine Lippen. „Das, meine Teuerste, ist ein Berufsgeheimnis“. Mit diesen Worten ging er in Richtung seiner Garderobe. „Was glauben Sie? Was ist aus dem Lord geworden?“, fragte sie, ihm hinterhereilend. „Ich weiß es nicht, aber wenn Sie den Dorfbewohnern Glauben schenken wollen, geistert er immer noch hinter den trostlosen Mauern umher. Aber wir können das gerne bei einem Glas Cider diskutieren, wenn sie mögen. Die Augen der Frau blitzten vergnügt und sie nickte eifrig.

Im Hinausgehen schnappte er sich den eigentümlichen Gehstock mit dem Löwenkopf, der mehr der Komplettierung seiner Garderobe als der Überwindung von Gebrechen des Alters diente und trat Seite an Seite mit der jungen Frau die nächtlichen Straßen Londons. Es hatte zu schneien begonnen.

Ein düsteres Lächeln umspielte seine Lippen.

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2 Gedanken zu “Naufragus

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